Volkstheater: Badora nimmt roten Stern ab und startet mit „Fasching“1
Wien (APA) - Noch grüßt er von der Spitze des Hauses, der rote Stern, der in den vergangenen Jahren Markenzeichen des Wiener Volkstheaters w...
Wien (APA) - Noch grüßt er von der Spitze des Hauses, der rote Stern, der in den vergangenen Jahren Markenzeichen des Wiener Volkstheaters war. „Eigentlich wollte Michael Schottenberg ihn abnehmen. Ich war überrascht, dass er ihn uns doch da gelassen hat“, sagt die neue Intendantin Anna Badora. Zur Saisoneröffnung am 5. September soll er dann endgültig Geschichte sein. „Ich denke, wir werden ihn versteigern.“
Die Aufstellung der neuen Tribüne konnte dagegen bis zu Proben-Wiederbeginn nach der Sommerpause geschafft werden. Bis zu 850 (statt bisher 970) Besucher pro Abend sollen in der neuen Saison komfortablere Sitze und bessere Sicht vorfinden. Auch ein neues Logo mit gekipptem „O“ und neu designte Kleidung für das Einlasspersonal sollen signalisieren, dass nach zehn Jahren unter der Leitung von Michael Schottenberg eine neue Zeit in dem 125 Jahre alten Theaterbau der Architekten Ferdinand Fellner und Hermann Helmer angebrochen ist.
Badoras geplante Abschiedsgala am Grazer Schauspielhaus war am 20. Juni unmittelbar nach der Amokfahrt eines Autofahrers, die drei Tote forderte, kurzfristig abgesagt worden. „Es war eine Stimmung an diesem Tag, wie ich sie nie zuvor erlebt habe“, erzählt die Intendantin, die den Sommer vorwiegend in Wien verbracht hat, wo sie Ende der 70er-Jahre am Max-Reinhardt-Seminar als erste Frau ein Regiestudium absolviert hatte.
Seit Wochenbeginn feilt sie mit ihrem Ensemble an der Eröffnungspremiere. Sie gilt einer Dramatisierung des 1967 erschienenen Romans „Fasching“ von Gerhard Fritsch. Warum diese Wahl? „Es war keine Liebe auf den ersten Blick“, gibt Badora im Gespräch mit der APA zu. „Wieder etwas zum Thema Vergangenheitsbewältigung zu machen, hat mich zunächst nicht so interessiert.“
In dem Buch kehrt ein ehemaliger Deserteur, der als Frau verkleidet überlebt und bei Kriegsende im Handstreich seine Stadt vor der Zerstörung bewahrt hatte, zwölf Jahre später aus russischer Kriegsgefangenschaft heim. Feuer gefangen hat die Regisseurin schließlich „an der gewaltigen und unglaublich bildhaften Sprache, die viel mit der Welt von Jelinek und Bernhard zu tun hat“, sowie an den eindrucksvoll gestalteten Szenen, „die man eigentlich nur auf die Bühne zu stellen braucht“.
Die Hauptfigur Felix Golub wird auf der Bühne verdoppelt. Den sanften, zurückhaltenden Rückkehrer spielt der junge Deutsche Nils Rovira-Munoz, der spielerische, reflektierte, anarchische Teil seiner Persönlichkeit wird von Puppenspieler Nikolaus Habjan verkörpert. Dieser wird (u.a. mit der Übernahme seiner erfolgreichen Grazer Produktion „Das Missverständnis“ und der Uraufführung der Lavant-Dramatisierung „Das Wechselbälgchen“) ebenso eine wesentliche Rolle in Badoras erster Saison spielen wie die junge Schauspielerin Stefanie Reinsperger, die von der Burg zum Volkstheater wechselte und hier auch als Nora sowie in Handkes „Selbstbezichtigung“ zu sehen sein wird.
„In ‚Fasching‘ werden Fragen von Zivilcourage, von Aktivität und Passivität, Widerstand und Anpassung gestellt. Die Kleinstadt funktioniert dabei als Spiegel der Gesellschaft“, sagt Badora, für die Fragen nach der Vergangenheit im Theater dann richtig gestellt werden, wenn sie direkt mit der Gegenwart verbunden sind - wie es ihr in Graz etwa mit den Produktionen „Hakoah Wien“ (ab 9. September am Volkstheater zu sehen) oder „Thalerhof“ gelungen ist.
(B I L D A V I S O - Bilder von Anna Badora sind im AOM abrufbar.)
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