Neue Faschismusvorwürfe zum 50. Todestag von Architekt Le Corbusier

Paris (APA/dpa) - Einerseits das Meer, andererseits das Massif de Marseilleveyre: Nur selten steht eines der 300 Appartements des Gebäuderie...

Paris (APA/dpa) - Einerseits das Meer, andererseits das Massif de Marseilleveyre: Nur selten steht eines der 300 Appartements des Gebäuderiegels von Architekt Le Corbusier auf dem Boulevard Michelet von Marseille zum Verkauf. Corbusiers Wirken begeistert jedoch nicht jeden. Selten gab es einen Architekten, der kontroverser beurteilt wurde als der vor 50 Jahren am 27. August gestorbene Stadtplaner.

Le Corbusier (1887-1965) wurde als Charles-Edouard Jeanneret-Gris im schweizerischen La Chaux-de-Fonds geboren. Er verstarb in seiner Wahlheimat Frankreich - beim Baden im Meer an der Cote d‘Azur.

Von Paris aus hat der Verherrlicher des Stahlbetons die Welt erobert und seine Ikonen der Moderne unter anderem in Berlin und dem indischen Chandigarh hinterlassen. In Frankreich, das ihn nicht zuletzt wegen einer offiziellen Trauerfeier im Carree-Hof des Louvre zu einem Star stilisiert hat, wird aus dem Jubiläumsjahr ein posthumer Prozess. Denn neben Ausstellungen und Kolloquien wurden vor wenigen Wochen gleich drei Bücher veröffentlicht, die sein Verhältnis zum Faschismus beleuchten.

Dass der Großbaumeister ein Bewunderer Hitlers war und enge Beziehungen zum französischen Vichy-Regime unterhielt, ist nicht neu. Zuletzt sorgten die Faschismusvorwürfe des Amerikaners Nicholas Fox Weber für Aufsehen. Denn in seiner 2008 erschienenen Le-Corbusier-Biografie nimmt er detailliert und ungeschönt historische Dokumente und Briefe des Architekten unter die Lupe.

Mit der dunklen Seite des Weltarchitekten haben sich nun auch die drei Franzosen Francois Chaslin („Un Corbusier“), Xavier de Jarcy („Le Corbusier. Un fascisme francais“) und Marc Perelman („Le Corbusier. Une froide vision du monde“) beschäftigt. Die Autoren ziehen unter anderem Artikel aus der Zeitschrift „Prelude“ als Beweismaterial heran. Die Revue für Kunst und Städtebau wird als faschistisch eingestuft - und Le Corbusier gehörte zu den Gründungsmitgliedern.

Ikone der kompromisslosen Modernität oder Faschist? Hinter der Hornbrille versteckte sich ein ehrgeiziger Mann. Ohne Architekturdiplom wurde der Graveur und Ziseleur zu einem der einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts, der in großen Maßstäben dachte. Ihn interessierte nicht so sehr der Bau von Villen, obwohl er davon etliche entwarf. Er schuf Hochhäuser, die er als „Unite d‘habitation“ bezeichnete und Pläne für eine ganze Stadt: Chandigarh in Indien.

Le Corbusier war ein Egomane. Als junger Mann schon hatte er in einem seiner Briefe geschrieben, dass sein Ehrgeiz, seine Eitelkeit und sein Stolz ihn zu großen Dingen treiben würden. Jahre später schrieb er am 31. Oktober 1940 an seine Mutter: „Wenn es ihm mit seinen Ankündigungen ernst ist, kann Hitler sein Leben mit einem großartigen Werk krönen: der Neugestaltung Europas.“

Auch Le Corbusier wollte Neues schaffen. In seinen theoretischen Schriften beschrieb er die „Stadt der Gegenwart“, mit der er Ordnung in das urbane Chaos bringen wollte - mithilfe von Stein, Beton, Stahl, Funktionalität, rechten Winkeln und klarer Geometrie. Seine Stadt sollte perfekt funktionieren - wie eine Maschine.

Le Corbusier hatte die Architektur erst nach seiner Lehre als Graveur und Ziseleur entdeckt - zusammen mit der Malerei, in der sich auch seine architektonische Ästhetik widerspiegelt. Gemeinsam mit Amedee Ozenfant hat er den Purismus gegründet, eine Kunstrichtung, die den Schwerpunkt auf einfache geometrische Formen und klare Linien setzt. Der Meister des streng konstruktiven Rationalismus war schon zu Lebzeiten umstritten. Seine Konstruktionen wurden als unbewohnbar und unmenschlich verschrien. Andere, etwa am Boulevard Michelet zahlen hohe Preise für ein Corbusier-Werk.