Flüchtlinge in Izmir - Lieber tot auf See als in Syrien

Izmir (APA/Reuters) - Sie tragen Shorts, um unter den Touristen nicht aufzufallen. Sie kaufen sich billige Schwimmwesten, um auf der Überfah...

Izmir (APA/Reuters) - Sie tragen Shorts, um unter den Touristen nicht aufzufallen. Sie kaufen sich billige Schwimmwesten, um auf der Überfahrt übers Mittelmeer nicht zu ertrinken. Und sie spielen Katz und Maus mit der türkischen Polizei, die sie immer wieder aus ihren wilden Nachtlagern vertreibt.

Zehntausende syrische Flüchtlinge streben in diesem Sommer nach Izmir, um von hier aus mit Schlepperbooten nach Griechenland überzusetzen - ihrem Tor nach Europa. Auch Iraker, Iraner und Afghanen sind unter ihnen. Sie alle zusammen bilden einen Teil des größten Flüchtlingsstroms der Welt. Einer von ihnen ist Alaaeddin: Der 29-Jährige floh nach vier Jahren Bürgerkrieg aus Aleppo und wartet nun darauf, dass die Menschenschmuggler ihn bei Nacht übersetzen.

Natürlich sei das ein Geschäft mit dem Teufel, und er habe Angst vor den Schlepper, sagt der junge Syrer. Aber ihm bleibe keine andere Chance. „Ich kann unmöglich zurück, und wenn ich hierbleibe, bin ich verloren. Ich muss weiter, wenn ich irgendwann ein echtes Leben haben will.“ Bis zu 5.000 Flüchtlinge warten nach Angaben von Hilfsorganisationen jeden Tag in Izmir auf ihre Passage nach Griechenland. In der Nacht bringen Busse und Lastwagen sie in abgelegene Buchten, bei Tagesanbruch drängen sie sich dann in Schlauchboote oder altersschwache Kähne, die sie zu den nur wenige Kilometer entfernten griechischen Inseln übersetzen sollen. Aus Angst vor Piraten tragen sie wenig Geld bei sich. Pässe und Handys verpacken sie in Kunststofffolie, falls ihr Boot kentert.

Die Flüchtlingskrise schwemmt die Kriege im Nahen Osten an die Türschwelle Europas. Sie lähmt das ohnehin unter einer katastrophalen Wirtschaftslage leidende Griechenland und saugt die Mittel der Türkei auf, die allein 1,9 Millionen Syrer und 200.000 Iraker in ihrem Land versorgt. Der türkische EU-Minister Volkan Bozkir warnte bereits im Juli, dass die Möglichkeiten des Landes erschöpft seien.

„Wir sind mit einer humanitären Krise konfrontiert, die wir nicht in den Griff bekommen können“, klagt auch die Bezirks-Bürgermeisterin Sema Pekdas. „Wir sind nicht in der Lage, so viele Menschen mit Unterkunft, Essen, Wasser, Hygiene-Artikeln und Medikamenten zu versorgen.“ Schließlich sei es nur ein sehr kleiner Teil der 200.000 Syrer in Izmir, der sich tatsächlich nach Europa aufmache. Sicherheitskräfte haben die Flüchtlinge in den vergangenen Tagen aus den Parks in kleine Seitenstraßen und die Höfe von Moscheen vertrieben. Babys schlafen zum Schutz vor der sengenden Sonne in Pappkartons.

Die östliche Mittelmeer-Route über die Türkei ist nach Angaben der EU-Grenzschutzbehörde Frontex inzwischen zum größten Sprungbrett für die Flüchtlinge nach Europa geworden. Die Rekordzahl von 49.550 Menschen reiste im Juli auf diesem Weg über Griechenland in die EU ein. Das ist mehr als im ganzen Jahr 2014. Hunderte Inseln in der Region sorgen für eine ruhige See und bieten den Flüchtlingen eine sicherere Überfahrt als die Route von Nordafrika in Richtung Italien. Dort ertranken die meisten der über 2.000 Menschen, die 2015 schon bei der Überfahrt umkamen.

In Aleppo hatte Alaaeddin Wirtschaftswissenschaften studiert und darauf gehofft, in die Politik zu gehen. In Izmir entschied er sich gegen ein Zimmer für 40 Dollar in einem Hostel und verbringt die Nächte stattdessen auf der Straße. Sein ehemals weißes Hemd und die Jeans starren vor Dreck. Aber er rasiert sich, um nicht verlottert auszusehen. Gegen den Hunger knabbert er Fladenbrot und schnorrt Zigaretten. Schon im Mai kam der 29-Jährige in Istanbul an. Er hoffte, von dort aus zu seiner Freundin nach Ägypten weiterreisen zu können, aber er bekam kein Visum. Weil er sich die Uni-Gebühren in der Türkei nicht leisten könne, sei Europa für ihn die einzige Chance, sagt er.

Über Facebook bekam er Kontakt zu einem Menschenschlepper, der ihn nach Izmir bestellte. Dort zahlte er dem Fremden 1.100 Dollar (996,29 Euro), übergab ihm seine Tasche und sein verbliebenes Geld. Der Schlepper soll ihm seine Habseligkeiten nachschicken, sobald Alaaeddin sich meldet. Als guter Schwimmer hat der Syrer auf den Kauf einer Schwimmweste für knapp 20 Dollar verzichtet. Das Material sieht ohnehin aus, als würde es einen Ertrinkenden eher in Tiefe ziehen als retten.

Schätzungsweise 500 Menschen wagen sich jede Nacht auf die Überfahrt. 36.000 Menschen hat die türkische Küstenwache dieses Jahr bereits aus Seenot gerettet, allein 330 sind es an diesem Morgen, darunter auch Neugeborene. Fast ohne Wasser sitzt die ganze Gruppe stundenlang in der prallen Sonne auf der Hafenmauer und wartet, bis die Beamten ihre Namen aufgenommen haben. Überraschte Touristen beobachten die Szene von ihren Yachten.

Für Jassim ist es bereits der zweite gescheiterte Versuch, nach Griechenland zu kommen. Der 19-Jährige floh vor einer Woche aus dem Ort Membej in der Nähe von Aleppo, der unter der Kontrolle der Jihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) ist. Jassim hatte eine Enthauptung beobachtet und erfahren, dass die Jihadisten seinem Nachbarn die Finger abgeschnitten hatten, weil er rauchte. „Entweder sterbe ich in Syrien oder auf See“, sagt Jassim, während er an einer Zigarette zieht. „Ich würde lieber auf See sterben.“