Stuck im Interview: „Formel 1 hat gewissen Sättigungsgrad erreicht“
Die Sommerpause ist zu Ende: Ex-Formel-1-Pilot Hans-Joachim „Strietzel“ Stuck (64) über das inflationär benützte Wort Krise, Michael Schumacher und die sozialen Medien.
Herr Stuck, am Sonntag endet die F1-Sommerpause.
Hans-Joachim Stuck (lacht): Gott sei Dank.
Im Rückspiegel betrachtet: Was war für Sie in der ersten Saisonhälfte das Positivste und was das Negativste?
Stuck: Was Ferrari mit Sebastian Vettel (GER) abgeliefert hat, ist sehr beeindruckend. Auf der anderen Seite erschütterte uns der Tod von Jules Bianchi (FRA). Und es hat der modernen Fahrergeneration aufgezeigt, dass ihr Sport nach wie vor sehr gefährlich und niemand unverletzbar ist. Im Nachhinein betrachtet musste halt leider wieder erst etwas passieren, bevor man reagiert hat. Das Virtual-Safety-Car hätte früher kommen müssen. Aber danach ist man stets schlauer.
Parallel dazu wird über die fehlende Gefahr und zu wenig Spektakel in der aktuellen Formel 1 diskutiert.
Stuck: Es geht weniger um das Gefahrenpotenzial, mehr um das fehlende Entertainment. Das Mittelding stimmt da nicht. Wir haben künstliche Überholmanöver, weniger richtiges Racing und auch das Aussehen der Boliden passt nicht. Man verzeihe mir, aber heute haben wir amputiert aussehende Autos. Wir brauchen breite Fahrzeuge, breite Reifen und die müssen schwer zu fahren sein. Derzeit sieht man nur, wenn es regnet, wie gut der F1-Pilot auf der Strecke wirklich ist. Das Motto lautet: Sicher, aber spektakulär.
Spektakulär waren in der Sommerpause die Party-Bilder in den sozialen Medien von Weltmeister Hamilton und Pop-Sternchen Rihanna. In Ihrer aktiven Zeit wäre das nicht einmal eine Zeile wert gewesen.
Stuck (lacht): So ist das mittlerweile, das muss man akzeptieren. Aber selbst die heutigen Stars müssen nicht wie die Asketen leben. Sie müssen Leistung bringen, fit und fokussiert sein. Was sie aber in ihrer Freizeit machen, das ist ihre Angelegenheit. Was der Junge so bewegt, das finde ich richtig erfrischend – eine schillernde Persönlichkeit.
Themenwechsel: Im bisherigen Formel-1-Jahr wurde das Wort Krise besonders überstrapaziert.
Stuck: Da müssen wir etwas zurückblicken. Jede Sportart hat ihr Hoch. Michael Schumacher hat die Formel 1 Anfang der 2000er auf eine neue Ebene gehoben, mit ihm kam das Fernsehen usw. Jetzt ist ein gewisser Sättigungsgrad erreicht. Das trifft ja ebenso andere Sportarten, wenn ich da zum Beispiel ans Boxen denke und daran, was für ein Loch nach den Klitschko-Brüdern kommen könnte. Zum anderen hat sich das Freizeitverhalten in den Familien geändert. Immer weniger sind bereit, sich für sehr viel Geld zwei Tage lang in den Plastiksessel zu setzen. Daran muss sich der Sport anpassen. Und ein speziell wichtiges Element darf man nicht vergessen: Verständlichkeit. Der Fußball ist ein Phänomen auf dieser Ebene. Seit ich Fußball kenne, wird mit 22 Mann, einem Ball und zwei Toren gespielt. In der Königsklasse haben wir teilweise eine sich permanent verändernde Technik, die längst „over the moon“ ist. Das versteht Frau und Herr Müller einfach nicht mehr.
Apropos Schumacher: Wissen Sie Genaueres um seinen aktuellen Gesundheitszustand?
Stuck: Nein, ich weiß exakt das, was in den Medien zu lesen ist. Man hört da gar nichts.
Zum Sportlichen: Aktuell brodelt die Gerüchteküche. Red Bull soll künftig mit Mercedes-Motoren ausgestattet werden.
Stuck: Auf der einen Seite muss man bei Mercedes aufpassen, wen man sich da ins Boot holt. Andererseits, wenn ein Red Bull gewinnt, triumphiert ja auch die Marke mit dem Stern. Das muss man sportlich sehen. Für mich wäre es der richtige Weg. Beide könnten sich beflügeln.
Was erwarten Sie beim Belgien-Rennen am Sonntag?
Stuck: Spannung pur. Schon alleine wegen der Strecke und dem ungewissen Wetter. In Sachen WM glaube ich trotzdem, dass nur einer mit dem Stern auf der Brust Weltmeister wird. Auch wenn Sebastian Vettel noch theoretische Chancen hat. Außer die Mercedes-Piloten fahren sich wieder in die Kiste, so wie letztes Jahr an Ort und Stelle.
Das Gespräch führte Daniel Suckert
Kommentare