Stichwort - Wie Brasilien wirtschaftlich dasteht
Brasilia/Berlin (APA/Reuters) - Vom boomenden Schwellenland zum wankenden Riesen: Brasilien mit seinen über 200 Mio. Einwohnern befindet sic...
Brasilia/Berlin (APA/Reuters) - Vom boomenden Schwellenland zum wankenden Riesen: Brasilien mit seinen über 200 Mio. Einwohnern befindet sich in schwierigem Fahrwasser. Die Wirtschaftsprobleme werden auch Thema beim Besuch der deutschen Kanzlerin Angela Merkel sein, die am Donnerstag zu bilateralen Regierungskonsultationen in dem südamerikanischen Land zusammentrifft. Einige Daten und Fakten zur Wirtschaftslage in Brasilien:
WACHSTUM
Noch 2010 legte das Bruttoinlandsprodukt um 7,6 Prozent zu. Seither geht es bergab. 2014 reichte es für den Gastgeber der Fußball-WM gerade noch zu einem Mini-Wachstum von 0,1 Prozent. In diesem Jahr wird die schwerste Rezession seit 1990 erwartet: Ökonomen rechnen mit einem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um zwei Prozent. 2016 soll es weiter bergab gehen, wenn auch nicht mehr so steil. Zwei Rezessionsjahre in Folge hat es seit der Großen Depression in den 1930er Jahren nicht mehr gegeben. Ein Grund sind fallende Preise für Öl und andere Rohstoffe, die das Land hart treffen. Es ist einer der größten Produzenten und Exporteure von Eisenerz, Mangan, Nickel und Bauxit, ebenso von Industriemineralien, Edelsteinen und Natursteinen.
SCHULDEN
Für ein Schwellenland ist Brasilien relativ hoch verschuldet. 2014 summierten sich die Verbindlichkeiten auf rund 59 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, in diesem Jahr sollen es fast 66 Prozent sein. In Russland liegt der Schuldenstand bei gut elf Prozent, in China bei 15 Prozent. Das schränkt den Handlungsspielraum der Regierung in Brasilien ein, zumal für frisches Geld hohe Zinsen fällig werden: Für zehnjährige brasilianische Staatsanleihen liegt der Zins bei fast 14 Prozent.
KREDITWÜRDIGKEIT
Moody‘s hat Brasiliens Bonitätsnote fast auf Ramsch-Status herabgestuft. Die US-Ratingagentur senkte die Einstufung auf „Baa3“ nach bisher „Baa2“ - das ist die letzte Stufe mit Anlagebonität, danach gelten Investitionen als „spekulativ“. Zur Begründung führt Moody‘s unter anderem eine gestiegene Schuldenlast, die Rezession und einen fehlenden politischen Konsens an. Auch Konkurrent Standard & Poor‘s (S&P) droht mit einer Herabstufung der Bonitätsnote.
INFLATION
Die Preise steigen mehr als doppelt so schnell wie von der Zentralbank gewünscht. Die Inflationsrate liegt derzeit bei 9,25 Prozent, während die Währungshüter 4,5 Prozent anstreben. Ein Grund dafür: Staatspräsidentin Dilma Rousseff ließ nach ihrer Wiederwahl die Strompreise und andere von der Regierung festgelegte Preise steigen. Das nagt an der Kaufkraft der Brasilianer, was ein Grund für die erwartete Rezession ist.
WÄHRUNG
Ein Grund für steigende Preise ist die kräftige Abwertung der Landeswährung Real, die Importe verteuert. Seit Jahresbeginn hat der Real rund ein Viertel zum Dollar verloren - nur die Währungen von Kirgistan, der Ukraine und von Aserbaidschan haben sich noch schlechter entwickelt.
ZINSEN
Die Zentralbank stemmt sich mit höheren Zinsen gegen die Inflation. Im Juli erhöhte sie ihren Leitzins auf 14,25 von 13,75 Prozent. Das ist das höchste Zinsniveau der zehn größten Volkswirtschaften der Welt. Das macht Kredite teurer, was wiederum Investitionen hemmt.
KORRUPTION
Sie ist weit verbreitet. Der Korruptionsindex von Transparency International führt Brasilien auf Rang 69 von 175 untersuchten Ländern. Besonders der staatliche Ölriese Petrobras sorgt regelmäßig für Schlagzeilen. Ihm wird vorgeworfen, für Arbeiten von Subunternehmen sowie für Zukäufe systematisch zu hohe Kosten ausgewiesen und die Differenz zu den tatsächlichen Preisen an Parteien geschleust zu haben - darunter auch die Arbeiterpartei von Präsidentin Rousseff. Von 2003 bis 2010 leitete sie als Verwaltungsratschefin die Petrobras-Aufsicht.
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