Der Boom nach der Katastrophe in New Orleans
New Orleans (Louisiana) (APA/AFP) - Das Feiern hat New Orleans nie verlernt. Schon wenige Monate nach der „Katrina“-Katastrophe vom August 2...
New Orleans (Louisiana) (APA/AFP) - Das Feiern hat New Orleans nie verlernt. Schon wenige Monate nach der „Katrina“-Katastrophe vom August 2005, die weite Teile der Metropole am Mississippi in eine Trümmerlandschaft verwandelte, stürzte sich die Stadt wieder in den Taumel des Mardi Gras, ihres weltberühmten Karnevals. Und heute, zehn Jahre nach dem Desaster, ist New Orleans quirliger denn je.
Im historischen French Quarter drängen sich die Touristen, die Jazz- und Gastroszene blüht, und viele der vor sich hinrottenden Häuserruinen wurden durch bunte neue Häuser auf Pfählen ersetzt. „Unsere Stadt ist wiederauferstanden“, verkündete Bürgermeister Mitch Landrieu zum zehnten Jahrestag des Hurrikan-Desasters am 29. August. Und worauf diese Geschichte von „Tragödie und Triumph, Wiedergeburt und Erlösung“ gründe, lasse sich in einem Wort zusammenfassen: „Widerstandskraft“. Bei der Feier dieser Wiedergeburt will auch US-Präsident Barack Obama dabei sein: Er wird am Donnerstag, zwei Tage vor dem zehnten Jahrestag, in New Orleans eine Rede halten.
Doch auch wenn es angesichts des Booms gute Gründe zum Feiern gibt - die Katastrophe ist noch nicht bewältigt, der Wiederaufbau nicht abgeschlossen, das kollektive Trauma nicht überwunden. 1.800 Menschen tötete „Katrina“ an der Golfküste, die meisten davon in New Orleans, das auf einen Hurrikan dieser Dimension völlig unzulänglich vorbereitet war. Als die maroden Deiche brachen, wurden 80 Prozent der Stadt überschwemmt. Die Wassermassen schwollen auf bis zu sechs Meter Höhe an, verzweifelte Einwohner retteten sich auf die Dächer - sofern die Häuser noch standen.
Die staatliche Hilfe kam viel zu spät. Ganze vier Tage dauerte es, bis die ersten Lkw mit Nahrung und Wasser für zehntausende gestrandete Menschen eintrafen. Schließlich wurde praktisch die gesamte Stadt evakuiert. Wochen dauerte es, bis die Fluten abgepumpt waren und die systematische Suche nach Leichen begann. Und Monate dauerte es, bevor Flüchtlinge in ihre Häuser zurückkehren konnten. Viele kehrten nie zurück. New Orleans hat heute rund 100.000 Einwohner weniger als vor der Katastrophe.
Trotzdem befindet sich die Stadt zehn Jahre danach in einem ungebrochenen Aufschwung. New Orleans ist angesagt, bei Touristen wie Investoren. In den vergangenen fünf Jahren wurden 14.000 neue Jobs geschaffen. Es gibt 600 Restaurants mehr als vor „Katrina“, und die Hotels sind besser ausgelastet als damals. Mit ihrem Mix aus ausschweifendem Partyleben, vibrierender Musikszene, kreolischer Küche, Kolonialarchitektur und Flusspanorama zieht die Stadt längst wieder Besucher aus der ganzen Welt an.
Aus den Ruinen ist jedoch nicht einfach das alte New Orleans wiederauferstanden. Die Stadt hat sich gewandelt, wie Sean Cummings, ein am Wiederaufbau der Innenstadt beteiligter Bauunternehmer hervorhebt. „So wie ein Individuum in einer traumatischen Phase“ habe sich die Stadt nach „Katrina“ die selbstkritische Frage gestellt: „Führe ich das Leben, das ich führen sollte?“, begründet er diesen Wandlungsprozess.
Zu den positiven Seiten dieser Wandlung gehört auch die deutlich gesunkene Kriminalität - sie lag 2014 auf dem niedrigsten Stand seit mehr als vier Jahrzehnten. Andererseits sind viele „Katrina“-Schäden längst nicht beseitigt. Weiterhin müssen Häuser, Geschäfte, Spitäler und Deiche aufgebaut werden. Und die sozialen Gegensätze in der Stadt sind nach wie vor extrem: In den Armenvierteln liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei nur 54 Jahren - 25 Jahre niedriger als in wohlhabenden Bezirken.
Trotz des Booms gibt es deshalb auch viel Kritik am Bürgermeister. Rosana Cruz von der Bürgerrechtsorganisation Race Forward wirft ihm vor, New Orleans wie eine „Bananenrepublik“ zu lenken. Landrieu gebe zu viel Geld für Touristen und Neuankömmlinge aus und vernachlässige dabei die alteingesessene Bevölkerung, schimpft sie.
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