Test

Herr der Ringe im Track-Test

Ein Auto, um einen V10-Saugmotor herum gebaut und von allen vier Rädern angetrieben – der R8 bespielt zugleich technische und fahrerische Sehnsüchte.
© Christian Houdek

Der schnellste Audi aller Zeiten ist brandneu: Mit dem R8 V10 plus unterwegs auf dem Red Bull Ring.

Von Stefan Pabeschitz

Spielberg –Der feuerrote Startknopf am Lenkrad hält, was er verspricht: Er löst einen heißeren Fanfarenstoß im Nacken aus, der danach in ein lauerndes Brummeln zurückfällt. Das ganze Ambiente ist reinblütig sportlich und hat zugleich den Audi-typisch geschäftsmäßigen Touch. Zum Einstand führt die Instrumentensimulation im digitalen Cockpit ihre Skalen-Show vor – die Generation Playstation lässt grüßen. Auf der Rennstrecke gilt der Maschinist noch etwas, also wird für die Siebengang-S-Tronic Handbetrieb mittels Schaltwippen am Lenkrad gewählt. In den Aufwärmrunden dürfen die 610 Pferde aus dem V10-Triebwerk noch sanft durchatmen, bei Betriebstemperatur bekommen sie dann die Sporen – vorerst noch mit eingeschalteten Traktionshilfen.

Der Drehzahlmesser zuckt in jedem Gang dem roten Bereich entgegen, während der Wagen linear irrwitzigen Schub aufbaut. Der Zehnzylinder-Saugmotor mit kombinierter Saugrohr- und Direkteinspritzung ist eine Zierde seiner durch das neue Turbozeitalter bedrohten Art, hat bei jeder Drehzahl Kraft und teilt sie bis 8700 Touren aus.

Die Schaltvorgänge dauern keinen Wimpernschlag und ohne vom Gasdedal zu gehen, schnalzt ruckfrei Gang um Gang hinauf. Selbst brachiales Anbremsen von Kurven verdaut der R8 völlig unaufgeregt und lässt auch nach mehreren heißen Runden kein Fading spüren. Beim übermütigen Beschleunigen aus der Castrolkurve will erstmals das Heck weg, fängt sich aber sofort wieder. Der Quattro-Antrieb mit elektronischer Viskokupplung und Sperrdifferential verteilt die Kraft ebenso optimal zwischen Hinter- und Vorderachse wie zu den einzelnen Rädern.

In den nach außen hängenden Bergab-Kurven Rauch und Pirelli lässt sich das Reaktionsvermögen des Systems perfekt testen: Die Fahrzeugbalance reagiert auf jeden noch so kleinen Lastwechsel, der Kräftefluss zwischen den Achsen regelt sich in Echtzeit neu ein. Mit dem schrittweisen Abschalten der Traktionskontrollen wird alles von Runde zu Runde unmittelbarer, die Fahrphysik fühlbarer. Wo zuletzt bei gleichem Tempo und Einlenkpunkt noch Schienenfahrt angesagt war, wird jetzt das Spüren von Über- und Untersteuern zur Norm. Der R8 lässt sich auch ohne elektronische Fahrhilfen jederzeit spielerisch leicht korrigieren, allein mit Gaspedal und Lenkrad durch die Kurven steuern, Runde für Runde näher am Limit von Fahrer und Auto.

Rechnerisch ist die Kombination aus Mittelmotor und Allrad die Variante, mit der sich die Grenzen am weitesten – und mit dem niedrigsten Reue-Potenzial – dehnen lassen. Als herausragende Eigenschaft trägt der R8 eine überraschende Ruhe im Umgang mit diesen Limits bei, die dem perfekten Zusammenspiel zwischen allen Komponenten geschuldet ist.

Wer bereit ist, sich diesen Renner zu leisten, sollte sich damit auch mehr gönnen, als ihn nur im Alltag zu bewegen und es zwischen zwei Ampeln einmal krachen zu lassen. Ein geduldigeres Gerät zum Erleben des oberen Endes der Leistungsskala auf der Rundstrecke wird sich so bald wohl kaum anbieten.