In Syrien läuft Kampf um gute Verhandlungspositionen
Damaskus (APA/Reuters) - Die verstärkten Kämpfe der vergangenen Wochen in Syrien sind womöglich ein Zeichen der Hoffnung. Die Eskalation sei...
Damaskus (APA/Reuters) - Die verstärkten Kämpfe der vergangenen Wochen in Syrien sind womöglich ein Zeichen der Hoffnung. Die Eskalation seit Anfang August könnte darauf hindeuten, dass die Beteiligten mit der Aufnahme von Friedensgesprächen rechnen und sich davor in eine möglichst starke Verhandlungsposition bringen wollen.
Die neue Welle der Gewalt fällt zeitlich zusammen mit dem Beginn frischer diplomatischer Bemühungen um eine Lösung der Syrien-Krise nach der Einigung im Atomstreit mit dem Iran. Der Iran ist neben Russland die letzte verbleibende Schutzmacht des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad. Beide Länder gelten als treibende Kräfte hinter der diplomatischen Initiative.
Dank der Vermittlungsbemühungen der USA, der Türkei, Saudi-Arabiens, des Iran und Russlands könnte der Syrien-Konflikt nach Ansicht von Experten nun tatsächlich in eine andere Phase eintreten. „Es ist alles noch sehr fragil, aber es ist die bisher am besten abgestimmte Initiative, um nach einer politischen Lösung zu suchen“, sagt ein Diplomat aus einem westlichen Staat. „Alle brauchen eine politische Lösung. Alle sind erschöpft.“ Die hektischen militärischen Aktivitäten dienten dazu, sich darauf vorzubereiten.
Allerdings stehen die Gespräche der beteiligten Staaten, die durchaus rivalisierende Interessen in der Region verfolgen, noch vor großen Hindernissen. So sind die Staaten etwa völlig uneins darüber, ob Assad nach vier Jahren Bürgerkrieg, mehr als 250.000 Toten und elf Millionen Flüchtlingen noch eine Zukunft an der Spitze seines Landes haben soll.
Seit Anfang August, etwa mit dem Beginn der diplomatischen Initiative, haben sich die Kämpfe in Syrien verschärft. Aufständische haben neue Offensiven in Regionen gestartet, die als entscheidend für das Überleben der Regierung gelten - unter anderem am Regierungssitz in Damaskus und im Küstengebiet, wo Assads alawitische Glaubensgemeinschaft ihre Hochburg hat. Die Rebellen griffen Harasta im Nordosten und Daraja im Südwesten von Damaskus an. Außerdem beschossen sie die Küstenstadt Latakia, die bisher weitgehend vom Krieg verschont worden war, und verstärkten die Anstrengungen, die verbliebenen Regierungstruppen aus Deraa im Süden des Landes zu vertreiben.
„Der vergangene Monat war völlig anders als alle anderen Monate der Revolution zuvor: Das Regime bekam starken Druck zu spüren, sich eine Lösung zu beugen - sei sie nun militärisch oder politisch“, sagt der Anführer der Rebellengruppe Asala-und-Tanmieh-Front, Iyad Shamse. „Wenn die Opposition eine starke Position am Boden hat, dann kann sie die Bedingungen diktieren.“ Die Aufständischen hätten gute Resultate erzielt. „Aber es ist klar, dass auch die Regierung ihre Operationen hochgefahren hat. Sie hat schwere Massaker verübt.“
Die Regierungstruppen überzogen die Aufständischen mit Luftangriffen, gegen die die Rebellen weitgehend hilflos sind. Allein bei einem Luftangriff auf einen Marktplatz in Duma wurden am Sonntag mehr als 100 Menschen getötet. Seine Luftwaffe verschafft Assad einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Rebellen - selbst in Zeiten, in denen das Heer inzwischen nicht mehr über genügend Männer verfügt.
Das Militär hält die heftigen Angriffe der Rebellen für den Versuch, die diplomatischen Initiativen des Iran und Russlands zu sabotieren. „Das widersprach offenbar den Wünschen der Saudis, deshalb sind die Aufständischen überall aktiv geworden“, heißt es in Armee-Kreisen. „Es wirkt, als gäbe es einen Plan, Damaskus stärker unter Druck zu setzen.“
Rami Abdulrahman, der Direktor der oppositionsnahen „Syrischen Beobachterstelle für Menschenrechte“ in Großbritannien, sieht dies anders. „Die Eskalation ist der Versuch, die Bedingungen für die Verhandlungen zwischen den Parteien und den Regionalmächten zu verbessern“, sagt er. „Die Regionalmächte versuchen, die Beteiligten vor Ort mit aller Macht zu unterstützen.“
Auch die Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS), die größere Gebiete in Syrien unter ihre Kontrolle gebracht hat als irgendeine andere Rebellengruppe, verstärkte ihre Angriffe. „Jeder bereitet sich auf eine neue Phase vor“, sagt der westliche Diplomat. „Obwohl die Parameter noch nicht wirklich klar sind, weiß der IS, dass sich die Dynamik gegen ihn wendet.“ Russland will die Führung in Damaskus zum Teil eines breiten Bündnisses gegen den IS machen, das auch Assads Gegner in der Türkei und Saudi-Arabien einschließen soll. Ohnehin sei es doch inzwischen so, dass eigentlich jeder momentan vor allem über den IS spreche, sagte ein hochrangiger russischer Diplomat kürzlich. Assad spare man sich für später auf.
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