Schillernder „König der Könige“ - Vor 40 Jahren starb Haile Selassie

Addis Abeba (APA/dpa) - Haile Selassie war der letzte Kaiser einer 3.000 Jahre alten Dynastie. In Äthiopien ist der zierliche Monarch mit de...

Addis Abeba (APA/dpa) - Haile Selassie war der letzte Kaiser einer 3.000 Jahre alten Dynastie. In Äthiopien ist der zierliche Monarch mit dem majestätischen Gesicht 40 Jahre nach seinem Tod unvergessen, aber auch umstritten. War er ein visionärer Erlöser oder ein gleichgültiger Despot?

„König der Könige“, „Auserwählter Gottes“, „Löwe von Juda“ und „Macht der Dreifaltigkeit“ - die glorifizierenden Ehrentitel des äthiopischen Kaisers Haile Selassie sind in dem ostafrikanischen Land bis heute in aller Munde. Der Regent mit der zierlichen Statur sah sich als Spross der königlichen Linie von David und als 225. Nachfahre des Königs Salomon. Er lebte in Pomp, während die Landbevölkerung Hunger litt, er wurde geliebt und verachtet, hat seinem Heimatland viel Gutes getan, aber auf die drohenden Katastrophen - die letztlich seinen Untergang einleiteten - zu spät reagiert.

Sicher ist: Dem Charisma des Kaisers mit den stolzen Gesichtszügen konnte sich niemand entziehen. Vor 40 Jahren - am 27. August 1975 - starb Haile Selassie unrühmlich: Er wurde von putschenden Militärs mit einem Polster erstickt.

Im Süden Äthiopiens wird der Monarch noch immer wie ein Gott verehrt: In dem Örtchen Shashemene haben sich seit 1963 Tausende Rastafarians aus allen Teilen der Welt niedergelassen. Der Name leitet sich von Haile Selassies Prinzennamen ab: Ras Tafari. Als er 1930 zum Kaiser gekrönt wurde, sah eine kleine Sekte aus Jamaika dies als Zeichen für die Wiederkunft eines schwarzen Gottes.

Der südafrikanische Freiheitskämpfer Nelson Mandela nannte ihn wegen seiner Verdienste um eine Entkolonialisierung des Kontinents einen „afrikanischen Giganten“, der polnische Journalist Ryszard Kapuscinski zeichnete in seinem Buch „König der Könige“ das Bild eines Despoten, der sein Land ruinieren wollte. Wer war Haile Selassie wirklich?

„Kaiser Haile Selassie war wohl der größte afrikanische Staatsmann des 20. Jahrhunderts, ein Mann mit einer Aura, der sich nur wenige entziehen konnten“, sagt sein in Deutschland lebender Großneffe, der Bestsellerautor Asfa-Wossen Asserate (66). „Sein großes Verdienst war die Tatsache, dass er Äthiopien in seiner fast 60-jährigen Herrschaft vom tiefsten Mittelalter in das 20. Jahrhundert hinaufkatapultiert hat.“ Auch habe er den Vielvölkerstaat Äthiopien geeint - ethnische Konflikte gab es damals nicht.

Gleichzeitig habe er es versäumt, die Zeichen der Zeit zu erkennen und dringend notwendige Reformen einzuleiten, sagt Asfa-Wossen. „Auch die Frage der Sukzession ließ er bis zuletzt offen und trug dazu bei, dass die 3.000-jährige Tradition des äthiopischen Kaiserhauses ein Ende finden musste.“

Unvergessen ist Haile Selassies Rede vor der Generalversammlung des Völkerbundes in Genf im Juni 1936. Die Faschisten des italienischen Diktators Benito Mussolini waren damals in Äthiopien einmarschiert, und der mittlerweile im Exil lebende Kaiser appellierte wie ein Visionär an die Welt: „Die Katastrophen sind unausbleiblich, wenn die großen Staaten der Vergewaltigung eines kleinen Landes zusehen.“

Nicht lange danach brach der Zweite Weltkrieg aus. „Wie sehr der Kaiser mit seinen prophetischen Worten vor dem Völkerbund recht hatte, sollten die nächsten Jahre zeigen“, schreibt Asfa-Wossen in seinem Werk „Der letzte Kaiser von Afrika“.

Ein anderer historischer Moment seiner Herrschaft war der 25. Mai 1963: Der Kaiser und 31 weitere Staats- und Regierungschefs riefen in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba die „Organisation für Afrikanische Einheit“ (OAU) ins Leben, deren Nachfolgeorganisation seit 2002 die Afrikanische Union ist. Viele Länder hatten sich gerade erst aus der Fremdherrschaft der Kolonialherren befreit.

In seiner Rede vor den Gründervätern der OAU rief Haile Selassie die Vergangenheit noch einmal in Erinnerung: „Die Ära des Kolonialismus, in die wir gestürzt wurden, hat (...) unsere einst stolzen und freien Leute erniedrigt und versklavt“, sagte er. „Heute hat Afrika diese dunkle Zeit überwunden. Unser Armageddon ist vorbei.“

Sein persönliches Armageddon soll Haile Selassie elf Jahre später erleben. Die putschende Armee führt ihn im September 1974 aus seinem Palast ab - hin zu einem hellblauen VW-Käfer, mit dem er ins Militärhauptquartier gefahren wird. Eine Demütigung für den schillernden Regenten. Zu den Offizieren sagt er: „Wir haben unserem Volk gedient im Krieg und im Frieden. Wenn wir nun zum Wohle des Volkes abtreten müssen, werden wir uns dem nicht widersetzen.“

Knapp ein Jahr später stirbt der Kaiser im Alter von 83 Jahren, ermordet von Anhängern des Diktators Mengistu Haile Mariam. Dieser lässt den Leichnam unter einer seiner Toiletten im Palast begraben - erst 25 Jahre später wird Haile Selassie auf den Friedhof der St.-Georgs-Kirche umgebettet.

Asfa-Wossen zieht seine Bilanz: „Wenn die Geschichte ihr Urteil über den letzten Kaiser Äthiopiens fällt (...), werden Haile Selassies Verdienste um Äthiopien mehr Gewicht haben als die großen Fehler, die er zweifelsohne besaß. Auch für ihn gilt der Satz: Die Größe eines Herrschers offenbart sich erst im Lichte der Regime und Herrscher, die auf ihn folgen.“