Zeitlose Polit-Parabel: „Macht und Widerstand“ von Ilija Trojanow
Wien (APA) - „Macht und Widerstand“. Der Titel ist Programm. Kürzer lässt sich der Inhalt des neuen Romans von Ilija Trojanow tatsächlich ni...
Wien (APA) - „Macht und Widerstand“. Der Titel ist Programm. Kürzer lässt sich der Inhalt des neuen Romans von Ilija Trojanow tatsächlich nicht wiedergeben. Der 1965 in Sofia geborene und heute in Wien lebende Autor, dessen Buch „Der Weltensammler“ 2006 ein Bestseller wurde, hat ein großes Epos über Bulgarien in der Zeit des Kommunismus geschrieben, das parabelhaft über Kollaboration und Opposition erzählt.
„Macht und Widerstand“ befindet sich unter jenen 20 Titeln, die für den Deutschen Buchpreis nominiert sind. Eine erste Besprechung in der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zieht einen Vergleich zu dem Monumentalwerk „Die Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss und rühmt Trojanow als „Meister literarischer Doku-Fiktion“. Weitere positive Besprechungen werden mit Sicherheit folgen. Doch muss gesagt werden: „Macht und Widerstand“ ist kein Buch, das einen sofort für sich einnimmt.
Liegt es an dem Thema der Aufarbeitung von Erfahrungen in einem totalitären Regime, das in den vergangenen Jahren immer wieder Eingang in die Literatur gefunden hat? Am Sujet der Akteneinsicht, mit der ein Leben aufgerollt und dabei versucht wird, nagende Zweifel zu beseitigen und säuberlich zwischen Freund und Feind zu trennen? Oder legt sich die bleierne Schwere, das schmutzige Grau, das bei diesem Rückblick auf das Bulgarien der 50er, 60er und 70er Jahre rasch evoziert wird, auch auf das Gemüt des Lesers? Zunächst ist es ein zähes Leseabenteuer. Doch der Respekt vor der Leistung Trojanows wächst mit Fortdauer der Lektüre des fast 500-seitigen Romans.
„Macht und Widerstand“ ist nicht nur Programm, sondern auch Bauplan des Buches: Generaloberst Metodi Iwanow Popow („Metodski für diejenigen, die das Glück hatten, mit ihm und unter ihm zu dienen“, wird es am Ende in seiner Grabrede heißen) repräsentiert die Macht, ein hochrangiger Apparatschik, der in den bulgarischen Staatssicherheitsbehörden dafür Sorge trug, dass vermeintliche Staatsfeinde unschädlich gemacht wurden und dabei mitunter in den Folterkellern auch höchstpersönlich Hand anlegte. Konstantin Scheitanow ist sein Antagonist, ein hoch intelligenter und sturer Querkopf, Dissident und Widerstandskämpfer, der 1953 in einer Provinzstadt einen Sprengstoff-Anschlag gegen ein Stalin-Denkmal verübte, dafür jahrelang in den Kerkern und Lagern des Regimes verschwand und trotz aller Demütigungen nie gebrochen wurde.
Die Lebensgeschichten der beiden ungleichen Männer werden in miteinander verschränkten kurzen Rückblicken parallel erzählt, unterbrochen von einem weiteren eingewobenen Erzählstrang, in dem das gesellschaftliche und historische Umfeld beschrieben wird: „1999 erzählt“, „1971 erzählt“ und so weiter. Dazu kommen - in Schreibmaschinen-Schrift gedruckt - Aktenauszüge „aus dem Archiv der Staatssicherheit“, wo Konstantin in langen Stunden anhand der erst nach hartnäckigem Insistieren und einigen Interventionen vorgelegten Unterlagen versucht, seinen Fall zu rekonstruieren.
Der Roman basiere „auf den mündlichen und schriftlichen Zeugnissen einer Vielzahl ehemaliger politischer Häftlinge sowie einiger Offiziere a.D. der Staatssicherheit der Volksrepublik Bulgarien“, schreibt Trojanow in einer Vorbemerkung. „Bei den abgedruckten Unterlagen handelt es sich um Originaldokumente aus den zeitweise-teilweise zugänglichen Dossiers eines dieser Widerstandskämpfer.“
„Zeitweise-teilweise“ ist das Schlüsselwort: Auch in den Jahren nach der Wende, als Aufarbeitung und Öffnung angesagt war, verlief die Akteneinsicht schleppend und wurde schließlich an nahezu unüberwindliche Hürden gekoppelt. Das große Beharrungsvermögen, ja Wiederaufleben jener Kräfte, die aus einem sozialistischen Staat eine Diktatur des Apparats gemacht hatten, lässt im letzten Drittel des Buches aus dem bedrückenden Blick in die Vergangenheit eine zeitlose Parabel entstehen, die einen schaudern macht. Am Ende stirbt Metodi zwar als erster, aber Konstantins Triumph ist mager: Zu mehr als einer kleinen symbolischen Störaktion bei der Beerdigung des verhassten Widersachers reicht es nicht.
Ilija Trojanow hat sich in den vergangenen Jahren als wacher, kritischer Zeitgenosse immer wieder Gehör verschafft, um die „Würde des Menschen im Spätkapitalismus“ zu wahren oder gegen die Gefahren des Überwachungsstaats aufzutreten. Ein Einreiseverbot in die USA war eine der Folgen. Mit „Macht und Widerstand“ hat er sich nun nicht nur gründlich mit der jüngeren Geschichte seines Heimatlandes auseinandergesetzt, das seine Eltern vertrieben hatte, sondern auch illusionslos aufgezeigt, dass sich niemand Hoffnung machen kann, dass der Kampf für eine bessere Welt je zu Ende sein wird.
„Du hast keine Überzeugung, wenn du nicht bereit bist, für sie zu sterben“, scheut Konstantin am Ende das Pathos nicht. „Wahrer Geist ist Widerstand gegen den Geist der Macht.“ Und doch: „Es hat sich gelohnt.“
(S E R V I C E - Ilija Trojanow: „Macht und Widerstand“, Roman, S. Fischer, 480 S., 25,70 Euro)
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