Bühne

Gezaubert wird hier nur musikalisch

© Larl

Seelenzustände im Orientteppich: Jean-Baptiste Lullys „Armide“ bei den Festwochen Alter Musik.

Von Jörn Florian Fuchs

Innsbruck –Endlich gibt es französischen Barock in Innsbruck! Und dann auch noch ein wirkliches Meisterwerk – Jean-Baptiste Lullys 1686 in Paris uraufgeführte „Armide“. Das war ein Jahr vor seinem Tod und dem Sonnenkönig-Komponisten gelang hier nochmals ein musikalischer und musikdramaturgischer Wurf. Die Festwochen zeigen das Stück im Innenhof der Theologischen Fakultät, also unter freiem Himmel. Später wandert die Produktion nach Potsdam und Versailles.

Häufig erfreuen oder ermüden (je nachdem) die Festivalmacher ja mit ungestrichenen Fassungen, überraschenderweise fehlt bei „Armide“ eine ganze Stunde. Und das, obwohl es auch Ballette gibt … Die Sache funktioniert trotzdem. Patrick Cohën-Akenine orientiert sich mit seinem Ensemble Les Folies françoises an Lullys orchestraler Originalbesetzung am Hofe (fünfstimmige Streicher). Das Klangbild wirkt ungemein lebendig, trotz klarer Konturen und des Verzichts auf außergewöhnliche Effekte. Sopranistin Elodie Hache verkörpert Zauberin Armide, die sich in ihren Erzfeind, Kreuzritter Renaud, verliebt, welcher sie schlussendlich zugunsten höherer Aufgaben (die Kollegen Ritter rufen) verlässt. Hache singt das als Spagat zwischen zart-schönem Sehnen und bitterer, vokal durchaus kerniger Verzweiflung. João Pedro Cabrals Renaud gelingt eine ungemein feine Schattierung der unterschiedlichen Seelenzustände. Die kleineren Rollen sind vor allem mit Miriam Albano (Sidonie) und Pietro di Bianco (Hidraot) gut besetzt.

Zwar sorgen gleich drei Mal dicht vorüberfliegende, laute Flugzeuge für Ungemach, dafür stehen pünktlich zum sehr kurzen Liebesintermezzo von Armide und Renaud ein paar echte Sternlein am Himmel! Diese retten zumindest ein wenig eine Inszenierung, welche spannend und intelligent beginnt, sich leider zusehends in einem merkwürdigen Stilmischmasch verheddert. Deda Cristina Colonna zeigt anfangs einige elegant ausstaffierte Schaufensterpuppen in den ‚Galerien‘ der Theologischen Fakultät. Während der Ouvertüre kommen langsam echte Akteure hinzu, die kurze Zeit später auch die spartanisch gehaltene Bühne bevölkern. Sehr gelungen ist die zunächst reduzierte Gestik, man spielt und singt à part, also nebeneinander, ohne Blick- oder gar Körperkontakt. Trotzdem kommen Emotionen und Gedanken gut ‚über die Rampe‘.

Leider löst sich das intensive Seelentheater rasch auf, Colonna verknüpft nun Reduktion mit manchmal fast derben Bewegungen. Sechs Tänzerinnen und Tänzer (die Nordique Baroque Dancers) tauchen auf und erweitern etwa Armides Psyche mal recht elegant, oft jedoch gibt es viel zu viel, pardon, Gehopse. Ein weiteres, großes Problem sind die Kostüme von Francesco Vitali (er verantwortet auch ein paar dekorative Videoprojektionen). Hier sieht man wahre Abgründe an Geschmacklosigkeit, riesige Federbüsche, schrecklich wallende Mäntel, seltsam geschnittene Oberteile, die wohl Muskeln oder Rüstungen darstellen sollen. Tiefpunkt ist der Auftritt von La Haine, es handelt sich um den personifizierten Hass (emphatisch interpretiert von Jeffrey Francis). Der Hass trägt offenkundig alte Orientteppiche auf, ein Wunder, dass er dabei noch laufen und singen kann!

Sehr trist gerät auch das Ende, die allein gelassene Armide läuft ohne Perücke – glatzköpfig – umher, die Puppen zeigen ebenfalls nackte Plastikhaut. Die tollen Musiker und Sänger hätten wirklich eine bessere Inszenierung verdient!