Rückkehr zu normaler Not? New Orleans zehn Jahre nach „Katrina“

New Orleans (Louisiana) (dpa) - „Als er kam, war sie gerade unterwegs“, sagt Shanice Williams. Sie deutet auf ihre neunjährige Tochter, die ...

New Orleans (Louisiana) (dpa) - „Als er kam, war sie gerade unterwegs“, sagt Shanice Williams. Sie deutet auf ihre neunjährige Tochter, die etwas gelangweilt auf dem Rasen spielt, und mit „er“ ist der Sturm gemeint. Der Hurrikan. „Katrina“. 2005 verwüstete der gewaltige Wirbelsturm erst die Karibik, dann den Südosten der USA.

Keine Naturkatastrophe hat je in der Geschichte der USA solche Schäden angerichtet. Um eine tödlichere zu finden, muss man fast 90 Jahre zurückgehen. Zehn Jahre später sind die Narben, ja Wunden unübersehbar - aber die Stadt ist weiter, als selbst Optimisten gehofft hatten.

„Ich war im vierten Monat schwanger“, erzählt Shanice. „Ich wollte nicht gehen, aber wir mussten. Und das war gut so. Sonst wäre ich jetzt tot.“ Sie schweigt einen Moment. „Nicht ich, wir wären jetzt tot“, sagt sie mit einem Blick auf ihre Tochter. Als sie wieder zurückdurften, stand das Wasser in ihrem Haus eineinhalb Meter hoch. „Kaum war es nach vier Wochen abgelaufen, haben wir hier wieder geschlafen. Es war furchtbar. Aber es war zu Hause.“

New Orleans ist praktisch eine Insel und der Hochwasserschutz war gut, aber längst nicht gut genug. Und so brach am 29. August die Flutmauer etwa 50 Mal und das Wasser fiel über die Stadt her. Gut 80 Prozent von New Orleans wurden überflutet und etwa 1.300 Menschen getötet. Und Hunderte galten als vermisst - die meisten von ihnen bis heute. Mehr als die Hälfte der Opfer war 75 oder älter.

„So viele hier hatten alles verloren, obwohl sie kaum etwas hatten“, sagt Carolyna Gallup. Sie leitet ein Begegnungszentrum im Ninth Ward, dem ärmsten und am schwersten getroffenen Teil der Stadt. „Es sah hier aus wie nach einem Krieg. Und die Menschen waren weg. Entweder geflohen, von den Behörden in alle Teile der USA gebracht. Oder tot.“

Der Ninth Ward sei immer noch das Armenhaus einer armen Region. „Aber die Menschen halten jetzt fester zusammen und die Kriminalität ging zurück“, sagt Gallup. Sie würdigt die Millionen, die zum Aufbau nach New Orleans gepumpt wurden. „Die Krankenversorgung ist richtig gut, selbst für die Ärmsten.“ Und es gebe mehr Geld für Bildung.

„Die Stadt wird nie wieder so sein, wie sie war“, hört man immer wieder. Die Streetcars fahren wieder, in den Bars der Bourbon Street wird längst wieder guter Jazz gespielt, selbst morgens um elf, wenn die ersten - oder die letzten? - Touristen schon etwas Schräglage haben. Aber außerhalb der Touristengebiete ist es anders. Leerer. Überall stehen neue Häuser, aber dazwischen ist plötzlich eine leere Fläche. Da stand mal ein Haus, da wohnten Menschen.

Unmittelbar vor dem Sturm hatte New Orleans 480.000 Einwohner. Ein paar Monate später war es noch die Hälfte. Hunderttausende waren während der großen Evakuierung in alle Teile der USA verfrachtet worden. Nicht jeder kehrte zurück. Manche hatten einfach keine Lust mehr auf eine arme, im Sommer kaum erträglich heiße Heimat, über die immer wieder ein Sturm herfällt. Und doch: Nach und nach kehrten die meisten zurück. „Unsere Region hat jetzt wieder etwa 95 Prozent der Einwohner, die sie vor „Katrina“ hatte“, sagt Mitch Landrieu.

Er muss es wissen, er ist seit fünf Jahren Bürgermeister der Stadt - und ein Optimist. „Die großen Wiederaufbauprojekte sind bereits - oder fast - abgeschlossen, die Region ist deutlich besser in Sachen Kriminalitätsbekämpfung und Strafverfolgung, bietet bessere Bildung, mehr Fördermöglichkeiten für die Wirtschaft und auch zur Belebung der Stadtviertel.“ New Orleans sei „Amerikas beste Comeback-Story“.

Und das Umland? Biloxi ist 150 Kilometer entfernt, das ist dann nicht mehr Louisiana, sondern Mississippi. Das Städtchen hatte es noch härter getroffen. Gut 90 Prozent der Gebäude wurden zerstört.

„Ich war damals im Gefängnis und habe nicht viel vom Sturm mitbekommen“, sagt Jalyn Brown. „Als ich rauskam, sah es aus wie nach einem Krieg, Mann. Wie nach einem Krieg!“ Biloxi habe sich, auch dank der Spielcasinos in der Stadt, gut entwickelt. Allerdings sei das relativ, sagt er: „Früher waren wir das Armenhaus Amerikas. Dann kam der Sturm und uns ging es noch schlechter. Vielleicht haben wir bald aufgeholt. Dann sind wir einfach nur wieder das Armenhaus. Tja, so ist das hier im tiefen Süden.“