Verhindertes Blutbad im Thalys-Schnellzug Richtung Paris

Paris (APA/AFP) - In Wagen Nummer zwölf des Thalys-Schnellzugs von Amsterdam nach Paris herrschen Chaos und Angst, doch zwei junge US-Soldat...

Paris (APA/AFP) - In Wagen Nummer zwölf des Thalys-Schnellzugs von Amsterdam nach Paris herrschen Chaos und Angst, doch zwei junge US-Soldaten reagieren zusammen mit einem Freund blitzschnell und entschlossen. Gemeinsam stürzen sie sich auf einen schwerbewaffneten Angreifer und überwältigen den Mann.

Zwei Menschen werden verletzt, doch offenbar verhindern die US-Bürger durch ihr beherztes Eingreifen ein wahres Blutbad. Sie und weitere Passagiere des Thalys 9364 werden nun als Helden gefeiert - während die Ermittler von einem offenbar islamistischen Anschlag ausgehen.

Es ist 17.50 Uhr am Freitag, als der 25-jährige Marokkaner Ayoub El Khazzani bewaffnet mit einer Kalaschnikow, einer Automatikpistole vom Typ Luger und einem Teppichmesser seinen Angriff startet. „Wir haben einen Schuss und zersplitterndes Glas gehört“, berichtet der 22-jährige US-Soldat Alek Skarlatos, ein Bayern-München-Trikot tragend, später französischen Medien. „Dann drehte ich mich um und sah einen Mann mit einer Kalaschnikow hereinkommen. Meine Freunde und ich duckten uns und dann sagte ich: ‚Schnappen wir ihn‘.“

Sein 23-jähriger Freund Spencer Stone, ebenfalls Soldat, wirft sich auf den Angreifer, der ihn mit seinem Teppichmesser verletzt. Doch die US-Soldaten und der befreundete US-Student Anthony Sandler können den Mann niederringen, bewusstlos schlagen und fesseln. Der 62-jährige britische Passagier Chris Norman hilft ihnen dabei.

Ein Handy-Video aus dem Zug zeigt einen dünnen Mann mit weißer Hose und freiem Oberkörper, der auf dem Flur gefesselt liegt, außerdem Blut an einer Fensterscheibe und auf Tischen. Auf einem Sitz daneben: die Kalaschnikow des Angreifers.

Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve gibt am Samstag die dramatischen Minuten in dem Schnellzug mit mehr als 550 Passagieren wieder: Demnach trifft zunächst ein französischer Passagier auf dem Weg zur Toilette von Wagen zwölf den Angreifer mit einer umgehängten Kalaschnikow. „Der französische Passagier hat mutig versucht, ihn zu überwältigen, bevor der Angreifer mehrere Schüsse abgab.“ Es sind schließlich die Zuginsassen aus den USA, die ihn überwältigen. Ein US-französischer Bürger wird auf seinem Sitz von einer Kugel getroffen und verletzt.

Der Thalys-Zug hält kurze Zeit später im nordfranzösischen Arras, der Angreifer wird von Polizisten abgeführt. Bei ihm handelt es sich laut ersten Erkenntnissen um einen bei mehreren europäischen Geheimdiensten bekannten Islamisten, der zuletzt in Belgien wohnte. Zuvor lebt er sieben Jahre lang bis 2014 in Spanien, wo er den Behörden nicht nur wegen Drogenhandels, sondern auch wegen harter Jihadisten-Reden auffällt und an Frankreich gemeldet wird.

Den spanischen Diensten zufolge zieht der Marokkaner später nach Frankreich, reist von dort aus in das Bürgerkriegsland Syrien und kehrt wieder nach Frankreich zurück. Auch in Deutschland wird er registriert, als er am 10. Mai von Berlin aus in die Türkei fliegt.

Die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft von Paris zieht sehr schnell den Fall an sich. In ersten Verhören bestreitet der Mann jeden terroristischen Hintergrund seiner Tat, behauptet, er habe die Waffen in einem Park gefunden und dann beschlossen, damit Zugreisende auszurauben. Die Ermittler schenken ihm aber wenig Glauben.

Zwar ist die französische Regierung höchst vorsichtig. Doch der Verdacht eines Terroranschlags steht am Sonntag klar an erster Stelle. Seit dem blutigen Anschlag auf die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ im Jänner warnt die Regierung in Paris pausenlos vor der Gefahr für Frankreich. Im Großraum Paris herrscht die höchste Terrorwarnstufe.

Doch stärker als das Entsetzen über die Attacke ist die Bewunderung für das Eingreifen der Thalys-Passagiere. „Ihre heldenhafte Tat hat möglicherweise eine viel schlimmere Tragödie verhindert“, würdigt US-Präsident Barack Obama die Männer. Frankreichs Staatschef François Hollande will die Helden von Thalys 9364 am Montag im Elysée-Palast empfangen.