Der Geschichtenerzähler
Wolfgang Murnbergers Biopic „Luis Trenker. Der schmale Grat der Wahrheit“ wird am Freitag von Hauptdarsteller Tobias Moretti beim dritten Filmfestival Kitzbühel präsentiert.
Von Joachim Leitner
Kitzbühel, Innsbruck –„Alles gut gegangen.“ So nannte Luis Trenker seine 1965 erschienene Autobiografie. Darin tat der „Bera Luis“ – wie er im heimatlichen St. Ulrich genannt wurde –, was er mit am besten konnte: Er erzählte Geschichten. Geschichten, die es mit der Wahrheit nicht immer ganz genau nahmen. Geschichten, die manches zuspitzten, einiges beschönigten – und anderes aussparten. Vor allem im Zusammenhang mit der – Zitat Trenker – „dunklen Zeit“, den Jahren 1933 bis 1945, ist die Selbstbekundung irreführend: Der filmende Bergfex inszenierte sich zum Kritiker des NS-Regimes, verwies auf Widerstände von ganz oben, die ihm das Arbeiten erschwerten, ja, de facto verboten. Eine Beschreibung, die nur für die Jahre 1939 bis 1941 zutraf – und selbst in diesem Zusammenhang nur die halbe Wahrheit ist: Auch nachdem Luis Trenker mit der italienisch-deutschen Koproduktion „Condottieri“ (1937), ein laut NS-Propagandaminister Goebbles „katholisches Machwerk“, und seiner zögerlichen Entscheidungsfindung in der Optionsfrage (1939) bei Machthabern und Geldgebern in Ungnade fiel, warb der Südtiroler heftig um die Gunst der Nazi-Granden. Schließlich war er eine Zeit lang deren ausgewiesener Lieblingsfilmer gewesen. Allein Trenkers „Der Rebell“ (1932) soll Hitler viermal gesehen haben – und Goebbels notierte, gewohnt penibel: „Die Spitzenleistung. Ein nationalistischer Aufbruch. Hitler ist Feuer und Fett.“
Entgegen der in späteren Jahren mit Vehemenz vorgetragenen Behauptung, nie fürs Deutsche Reich optiert zu haben, steht seit der Veröffentlichung der „Akte Trenker“ aus dem Berliner Document Center zweifelsfrei fest: 1940 wurde Trenker, seit 1927 in Berlin lebend und seit 1933 Mitglied der nationalsozialistischen Reichsfachschaft Film, deutscher Staatsbürger. Wenig später trat er auch in die NSDAP ein. Genutzt hat ihm das freilich wenig: Filmangebote bleiben aus. Trenker zog weiter, zurück ins zerbröckelnde Italien Mussolinis. Dort arbeitete er ab 1942 an der Papst-Doku „Pastor Angelicus“ über Pius XII. mit, was ihm nach 1945 die Absolution der italienischen Christdemokraten einbrachte.
Die Jahre 1943 bis 1945 lebte Trenker vorwiegend in Kitzbühel. Dort will er – wieder so eine Flunkerei – in den finalen Kriegstagen auf das geheime Tagebuch der Eva Braun gestoßen sein. Eine plumpe, aus Erotika und Schundromanen zusammengestöpselte Fälschung, die ihm nach dem Krieg – eine harte Zeit, Trenkers Filme und Bücher standen auf einschlägigen Verbotslisten – den Weg nach Hollywood ebnen sollte.
Genau an diesem Punkt setzt Wolfgang Murnbergers Trenker-Film „Der schmale Grat der Wahrheit“ ein. Auf dem Filmfestival Venedig will Trenker (Tobias Moretti) sein „Fundstück“ meistbietend verkaufen. Zeitgleich klagen in München die Eltern der Hitler-Geliebten gemeinsam mit Filmemacherin Leni Riefenstahl (Birgit Hobmeier), die das Tagebuch zum obskuren Objekt uniformierter Begierden macht, gegen die Veröffentlichung der Texte in einer Illustrierten. Beide Erzählstränge geraten zur Farce: Vor Gericht werden erfundene Details mittels nicht weniger fragwürdiger Gegendarstellungen entkräftet und die US-Produzenten, vielfach jüdische Emigranten, erhofften sich keinen halbseidenen Reißer über des Führers Vorliebe für Fußbäder, sondern Erkläransätze einer Jahrhundertkatastrophe.
Vor diesem Hintergrund wird in Rückblenden Trenkers Werdegang, seine unbezweifelten kinematografischen Leistungen, die Verfeinerung des ungeschminkten Freiluftfilms (auf den sich nicht zuletzt der italienische Neorealismus berief), die erotisch aufgeladene und künstlerisch schwierige Hassliebe zu Riefenstahl, seine Triumphe und Niederlagen nachvollzogen. Dazu kommt eine Tonspur, auf der das Gezeigte in bestem Trenker-Parlando gerechtfertigt, sprich, zurechtgebogen, wird.
Tobias Morretti, der dem echten Trenker nicht unbedingt ähnlich sieht und doch ganz in der Rolle aufgeht, spielt den flunkernden Fabulierkünstler als charismatisches Chamäleon. Vom seit Trenkers Tod 1990 gern kolportierten Mythos des unpolitischen Künstlers, der einfach seine Filme finanziert kriegen wollte, bleibt wenig übrig. Trenker war weder Fanatiker, noch Rassist, aber ein Opportunist, der mangels politischen Bewusstseins zum Mitläufer und willfährigen Propagandisten wird. Dass Trenker seine Verstrickung in die NS-Zeit im Nachhinein als „Missverständnis“ abgetan hat, macht die Sache nicht besser. Vor allem – und gerade das macht „Luis Trenker. Der schmale Grat der Wahrheit“ deutlich –, weil er dabei der Verharmlosung gefährlich nahe kam. Nach dem Scheitern der Verhandlungen mit Hollywood lässt Murnberger Trenker ins Kino gehen. Was er sieht, hält er nicht aus: „Morituri“, Deutschlands Venedig-Beitrag von 1948, zeigt den Schrecken des Konzentrationslagers. Da lässt sich nichts beschönigen. Da ist gar nichts gut gegangen. Vor dieser Realität flüchtet sich Trenker als uriger Märchenonkel ins Fernsehen.
In Südtirol, dessen Filmförderung BLS die Produktion von „Luis Trenker. Der schmale Grat der Wahrheit“ mit 700.000 Euro unterstützte und wo der Film am 27. August uraufgeführt wird, sorgte Murnbergers kritische Auseinandersetzung mit Luis Trenker bereits vorab für Kontroversen. Ein von der BLS für die Bozner RAI produziertes Making-of wurde nicht ausgestrahlt. Offizieller Grund: Das Video erfülle die Qualitätsstandards nicht. Ein Vorwand, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Vielmehr sei man in der Chefetage des öffentlich-rechtlichen Senders um das Andenken des ungebrochen populären „Vorzeige-Südtirolers“ besorgt.
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