Wladimir Kaminer im TT-Interview: Provinziell war gestern
Für eine 3Sat-Reportagereihe bereiste Autor Wladimir Kaminer die deutsche Provinz und spürte dem Kulturleben nach. Ein Gespräch über Künstler, Pommes und Putin.
In der 3Sat-Reihe „Kulturlandschaften“ sagen Sie, die Kultur in der Provinz sei das Spiegelbild der Menschen. Die Leser einer Provinzzeitung wird sicher interessieren, zu welchem Ergebnis die Reisen geführt haben.
Wladimir Kaminer: Die Kunst ist eigentlich gar nicht provinziell, die Menschen, die ich kennen gelernt habe, beschäftigen sich mit hochaktuellen Fragen. Heute ist es egal, wo man wohnt, die ganze Welt ist schnell zu erreichen. Man kann sich vor schlechten Nachrichten überhaupt nicht verstecken, weder in Tirol noch in den exotischen Landstrichen, die ich für 3Sat besucht habe. Für den richtigen Blick braucht es Distanz und die hat man dort. In Berlin werden viele interessante Projekte gar nicht wahrgenommen, weil einfach zu viel los ist. Damit Kunst zur Geltung kommt, braucht sie Ruhe. Nicht zuletzt deswegen sind in diesen Landschaften so viele interessante Projekte entstanden und so viele interessante Künstler hingezogen.
Als Autor führen Sie den Deutschen ihr eigenes Land als eine Art Kuriositätenkabinett vor. Was hat Sie diesmal am meisten erstaunt?
Kaminer: Die Vielfalt! Die unglaublich kurvige Reise durch die Eifel, wo in ganz kleinen 30-Seelen-Dörfern irgendein Künstler lebt und das ganze Dorf macht mit bei seinen Projekten. Oder die Saarländer, die eine ganz eigene Sprache haben. Das ist ja kein Dialekt, ich habe, ehrlich gesagt, kein Wort verstanden. Und im Schwarzwald gibt es ja tatsächlich einen Wald. Ich war nachts mit einer Black-Metal-Band im Wald Würstchen grillen, und sie haben mir erzählt, dass es diese Urigkeit ist, die ihre Musik inspiriert, dass sie eigentlich nur über den Schwarzwald singen. Ich habe zuerst gar nicht wahrgenommen, dass sie singen, bei Black Metal ist das eher so ein Heulen, aber es gibt wohl tatsächlich Texte, auch auf dem Papier, und da geht es um den Schwarzwald.
Sie scheinen, als Moderator eine Affinität zu Landschaften zu haben, auf Arte haben Sie in „Diesseits von Eden“ durch Gartenlandschaften geführt.
Kaminer: Das waren schöne Gartenlandschaften aus der Zeit der Aufklärung, diese Gärten sind entstanden, damit die Menschen sich in einer besseren Umgebung bessern, das war die Idee. Dass in einer schöneren Landschaft auch die Menschen schöner werden hat sich aber nicht bestätigt. Es gibt jede Menge schöner Landschaften, aber die Menschen sind soso lala. Diesmal war ich mit den Menschen unterwegs, ich konnte stundenlange Gespräche führen.
Sie leben seit 20 Jahren in Deutschland. Auch wenn die Umgebung die Menschen nicht besser oder schlechter macht, so prägt sie diese doch. Wie hat Deutschland Sie verändert?
Kaminer: Wir haben uns zusammen verändert. Als ich ankam, waren hier sehr ruppige, weltfremde Menschen, die nicht einmal wussten, was grüner Tee ist. Heute ist Deutschland quasi die Europäische Hauptstadt. Der kulturelle Austausch geht ab wie eine Rakete, nicht nur in Berlin. Diese Geschichte mit der Europäischen Union, sie mag politisch und wirtschaftlich sehr problematisch sein, aber kulturell hat sie enorme Früchte gebracht. In der Eifel-Folge war ich mit ein paar Musikern an der ehemaligen deutsch-belgischen Grenze Pommes essen. Man darf die belgischen Pommes nicht in Deutschland verkaufen, weil sie in Nierenfett frittiert werden, das ist in Deutschland verboten. Deswegen hat der Budenbesitzer die Fritteuse auf die belgische Seite und die Theke auf die deutsche gestellt. Was früher eine Grenze war, wahrscheinlich haben da auch viele Leute ihr Leben gelassen, ist heute eine Pommesbude. Ich fand das sehr bezeichnend.
Im September erscheint Ihr neues Buch „Das Leben ist keine Kunst. Von Lebenskünstlern und Künstlerpech“. Gab es Wechselwirkungen mit der TV-Sendung?
Kaminer: Dass die Dreharbeiten zur 3Sat-Reihe zeitgleich mit den letzten Arbeiten zu meinem Buch zusammengefallen sind, hat mir sehr gut gefallen. In meinem Buch geht es um Künstler, die sich eine Traumwelt schaffen, die quasi in ihrem eigenen Kunstwerk leben. Ihre Traumwelt kollabiert, wenn sie auf die Realität trifft. Diese Diskrepanz zwischen der gewünschten und der realen Welt ergibt unglaublich viele lustige Geschichten, das ist wahrscheinlich mein lustigstes Buch.
Lustig sind auch ihre Facebook-Postings über Wladimir Putin. Nach Ihren kritischen Kommentaren zur Krim-Krise können Sie wahrscheinlich nicht mehr nach Moskau reisen?
Kaminer: Ich weiß es nicht. Alles, was mit Russland und der russischen Politik zu tun hat, bleibt im Nebel. Niemand weiß genau, was er darf und was er nicht darf. Ich möchte es ehrlich gesagt gar nicht probieren. Ich denke aber nicht, dass dieser untragbare Zustand von Russland in der Außenseiterrolle von Dauer ist, das wird sicher gebrochen.
Wie bekannt ist der deutscher Schriftsteller Kaminer in seiner Heimat Russland? Ihre Putin-kritischen Interviews wurden ja übersetzt.
Kaminer: Normalerweise wird nur sehr wenig aus dem Ausland übersetzt, ich hatte diese Ehre. Die Bekanntheit ist schwer einzuschätzen. Früher, als man noch gerne in den Westen schaute, wurde ich gerne als jemand gezeigt, der es dort zu was gebracht hat. Aber es ist ja kein politischer Kampf, den ich führe, ich äußere nur meine Meinung und meine Sorge. Diese Info kann von den staatlichen Medien natürlich nicht gebraucht werden.
Sie sind Kochbuchautor, DJ, Garten-Experte und auf Facebook neuerdings Zeichentrickfigur. Was würden Sie nicht machen?
Kaminer: Ich versuche immer, so nah wie möglich am Leben zu sein, und nichts darzustellen, nicht schauzuspielern. Ich bin am Moment, am Gespräch interessiert. Aber ich möchte keine Kunstform füllen, so gesehen, bin ich kein Künstler. Das Schöne am Leben ist, dass es immer weitergeht, es ist kein Roman oder Film, es geht immer weiter und es ist dieses Weiter, was mich interessiert.
Das Gespräch führte Silvana Resch
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