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10 Jahre nach Unglück in Sölden: "Es ist heute noch nicht einfach"

Ein schlichter Gedenkstein erinnert am Rettenbachferner an das Seilbahnunglück vor zehn Jahren. Neun Skifahrer, darunter sechs Kinder, starben. Ausgelöst wurde die Tragödie von einem Betonkübel, den ein Heli verloren hatte.

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Für neun Skifahrer kam jede Hilfe zu spät: Eine Gondel stürzte ab, aus einer anderen sechs Personen geschleudert.
© Robert Parigger

Sölden –Die Bilder kehren zurück, Trauer und Machtlosigkeit werden bei Angehörigen, Betroffenen und Beteiligten wieder spürbar: Heute wird das sonst so betriebsame Sölden eine Zeit lang ein Ort der Stille sein, das Gedenken an die neun Todesopfer vom Seilbahnunglück vor zehn Jahren weckt schmerzliche Erinnerungen. Bei einem Transportflug am 5. September 2005 hat ein Hubschrauber des Salzburger Heli-Unternehmens Roy Knaus einen etwa 750 Kilo schweren Betonkübel verloren. Er riss eine Gondel der „Schwarze Schneidbahn“ in die Tiefe. Aus einer zweiten Kabine wurden durch die Schwingungen des Seils sechs Skifahrer hinausgeschleudert. Neun Wintersportler aus Baden-Württemberg und Bayern sterben, darunter sechs Kinder im Alter von zwölf bis 14 Jahren. Neun weitere werden zum Teil schwer verletzt.

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Günter Hujara: „Es ist auch heute noch nicht einfach.“
© Böhm

„Auch zehn Jahre danach hat das Ereignis noch nichts an seiner emotionalen Stärke verloren“, sagt der damalige Chef des Schwäbischen Skiverbands und Ex-Renndirektor des Internationalen Skiverbands Günter Hujara. Der Moment, als man ihm mitgeteilt hat, „dass sechs unserer Kinder ums Leben gekommen sind“, hat sich bei ihm „mit aller Wucht eingeprägt“. Er eilte sofort nach Sölden, um auch ein Bindeglied zu den Angehörigen zu sein.

Der Pilot des Unglückshubschraubers wurde wegen fahrlässiger Gemeingefährdung mit Todesfolge zu 15 Monaten bedingter Haft verurteilt. Heli-Chef Roy Knaus redet gar nicht lange herum. „Den Fehler, den wir und die ganze Branche gemacht haben, vergisst man nicht. Verarbeiten kann man ein derartiges Ereignis nicht. Das ist immer noch extrem traurig.“ Seither habe es jedoch ein Umdenken gegeben, die Seilbahnbetreiber würden nun anders auf Hubschrauberunternehmen zugehen. Solche Transportflüge gebe es heute nicht mehr. Damals war der Hubschrauber mehrere Male über die in Betrieb befindliche „Schwarze Schneidbahn“ geflogen. „Ich habe den Fehler damals offen zugegeben und gesagt, dass das Risiko nicht bedacht wurde“, blickt Knaus zurück.

Jakob Falkner: „Es hat den Blick aufs Leben verändert.“
© Böhm

Heute erinnert am Rettenbachferner ein schlichter Gedenkstein in Form zweier betender Hände an die neun Todesopfer. Jedes Jahr treffen sich Angehörige der Opfer zu einer kleinen Gedenkfeier in Sölden. „Wir haben noch heute gute Kontakte“, sagt Seilbahn-Geschäftsführer Jakob Falkner. Andere wiederum möchten nicht wieder an die Unglücksstelle zurück. Und seine eigenen Gefühle angesichts der Katastrophe von damals? „Ohnmächtig und sprachlos“ habe es in ihm selbst ausgesehen, schildert Falkner. „Es verändert den Blick aufs Leben. Man wird sich bewusst, wie schnell etwas passieren kann – so etwas vergisst man nicht mehr.“ Und es begleite einen über die Jahre. Weil er, erzählt Falkner, oft und in ganz unterschiedlichen Situationen daran denken muss.

Ernst Schöpf: „Die Erinnerungen haben sich eingebrannt.“
© Böhm

Bürgermeister Ernst Schöpf spricht von den Bildern, die man nicht mehr vergisst. „Wenn ich am Gletscher bin, sind sie da. Die Erinnerungen an den Unglückstag haben sich im Kopf eingebrannt.“

Neben der Trauer und den Spannungen, die durch die Tragödie ausgelöst wurden, habe es in den Jahren nach dem Unglück auch einen Einschnitt im regionalen Skiverband gegeben, betont Günter Hujara. Vieles habe sich verändert. Die Nachwuchsarbeit sei nicht mehr so wie früher, sie sei weniger euphorisch. „Und es ist auch heute noch nicht einfach.“ (pn, saku, mr)

3 Fragen an

„So etwas kann man nicht verarbeiten“

Der Unfall von 2005 stimmt Roy Knaus auch heute noch nachdenklich. Die Tragödie begleitet ihn auf seinen Flügen auch zehn Jahre danach.

1Wie haben Sie und Ihr Team das Unglück verarbeitet? Es ist etwas, das uns ständig begleitet. Ich glaube verarbeiten kann man dieses Unglück nie. Man denkt immer daran.

2Wenn Sie heute an der Unglücksstelle in Sölden vorbei fliegen, liegt der Unfall dann wie ein Schatten auf Ihnen? Das hat jetzt nicht nur speziell mit Sölden zu tun, natürlich ist mir das Risiko dort noch ein Stück bewusster.

3 Welche Konsequenzen hat das Unglück nach sich gezogen? Fliegt der Pilot noch? Ein Umdenken kam von allen Beteiligten. Derartige Flüge finden bei uns nicht mehr statt. Das Risiko wurde damals nicht bedacht, aber heute ist das Zusammenwirken von allen besser. Wir haben keinen Kontakt mehr zum Piloten, er ist zu einem Mitbewerber gewechselt.

Das Interview führte Sabine Kuess


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