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Generation schlaflos: Nächtlicher Handykonsum wirkt sich negativ aus

Schläfst du schon oder tippst du noch? Statt Schäfchen zählen viele Jugendliche mitten in der Nacht ihre Handynachrichten. Schlafmangel und Leistungsabfall sind die Folgen.

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Von Nicole Strozzi

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Innsbruck –„Bei der piept’s wohl“, denkt sich die Oma der 14-jährigen Schülerin – nennen wir sie Maxi Muntermann – als sie mitbekommt, dass ihre Enkelin auch nächtens noch Handynachrichten empfängt und schreibt. „Also, früher hätt’s das nicht gegeben.“ Nein, hat es auch nicht. Vor allem, weil es früher noch kein Mobiltelefon gab.

Doch heute, wo das Smartphone quasi an die Hand angeschweißt zu sein scheint, ist es gerade bei Jugendlichen ganz normal geworden, rund um die Uhr erreichbar zu sein. Viel mehr noch: Es gilt sogar als cool, selbst um drei Uhr früh Fotos oder eine WhatsApp-Mitteilung zu verschicken – auch wenn es nur ein grinsender Smiley oder ein „Bischt nu munter, Alter?“ ist. Ganz nach dem Motto: Schau her, ich bin noch wach. Schlafen ist etwas für Weicheier.

Die Auswirkungen auf Leistung, Lebensqualität und Psyche sind allerdings enorm, wenn der Schlafrhythmus bereits in jungen Jahren gestört wird. „Dauerhafter Schlafmangel führt zu einem kognitiven Leistungsabfall, das ist wissenschaftlich bewiesen“, erklärt Edda Haberlandt, Leiterin der Neuropädiatrie an der Kinderklinik Innsbruck. Außerdem hat ein gestörter Schlaf negative Auswirkungen auf den Stoffwechsel, erhöht somit das Adipositas- sowie Depressionsrisiko und schwächt das Immunsystem.

Und trotzdem: Studien aus den USA zeigen, dass bei Handynutzern, die nachts aktiv sind, ein relevanter Anteil der Nachrichten zwischen Mitternacht und drei Uhr früh geschrieben wird, weiß Birgit Högl, Leiterin des Schlaflabors an der Klinik Innsbruck. Also exakt in jener Zeit, in der man unbedingt schlafen sollte, weil dann nicht nur Gelerntes verfestigt wird, sondern auch wichtige Regenerationsvorgänge im Gehirn stattfinden.

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Mit jeder eingegangenen Nachricht wird der Empfänger aber aus seinem Qualitätsschlaf gerissen. „Von Smartphones oder Tablets können zudem durchaus zu hohe Lichtintensitäten abgegeben werden, sodass die körpereigene Melatoninausschüttung unterdrückt wird“, sagt Högl. Jedes Aufblinken des Telefons ist, als würde jemand während des Schlafens ins Zimmer kommen und das Licht ein- und wieder ausschalten, beschreibt die Ärztin die Weckreaktion. Die Folge: Es dauert oft lange, bis die Handynutzer wieder einschlafen. Entweder, weil sie durch die Nachricht emotional aufgewühlt sind oder dadurch so munter, dass sie noch ein bisschen im Netz surfen oder spielen.

Was es denn so dringendes um drei Uhr früh zu besprechen gibt, wollen wir von Schülerin Maxi Muntermann wissen. „Ach, die meisten sind in einer WhatsApp-Gruppe und bekommen dann eben automatisch alle Gruppennachrichten“, erklärt das Mädchen. Manchmal geht es um die Schule, manchmal wird darüber diskutiert, welche Serie gerade im Fernsehen läuft, manchmal nur Emoticons versendet (Symbolbildchen vom Smiley bis zum Kacka-Häufchen!).

Der Gruppendruck spielt dabei natürlich eine große Rolle. Der versäumte Schlaf wird dann oft nach der Schule nachgeholt. Dabei handelt es sich aber um keinen (sogar empfohlenen) Powernap, sondern um einen richtigen Tiefschlaf – so tief, dass man am Abend zur Schlafenszeit wieder putzmunter ist und ein so genanntes Nachteulenverhalten entwickelt.

Nicht nur das Smartphone, sondern auch Eltern sind aus diesem Grund geladen. Für sie ist die Situation nicht leicht. Das Handy ist in einer Leistungsgesellschaft wie der unseren auch für sie zu einem wichtigen Begleiter geworden, ganz verteufeln kann man seine Nutzung auch nicht.

Was tun also? Das Handy ganz verbieten? Nein, aber im Schlafzimmer sollte es nichts verloren haben, sind sich die Expertinnen einig. „Kinder brauchen einen durchgehenden Schlaf, 14- bis 16-Jährige etwa neun Stunden lang“, weiß Haberlandt.

Sie rät: Eltern sollten unbedingt dafür sorgen, dass die Kinder bereits eine Stunde vor dem Schlafengehen ihre technischen Geräte ausschalten, weil genau die Zeit vor dem Einschlafen entscheidend ist, um herunterzukommen. Norwegische Schlafforscher die 10.000 Jugendliche nach ihrem Schlafverhalten befragten, haben herausgefunden, dass Teenager, die viel Zeit vor Bildschirmen verbringen, häufig an Schlafstörungen leiden. Als Konsequenz fordern sie Behörden auf, bestehende Empfehlungen an die Eltern bezüglich Nutzung elektronischer Geräte nachzubessern.

Aktuelle Studienlage „Handy und Schlaf“ und Tipps für Eltern

Technik im Zimmer:

3/4 der Kinder und Jugendlichen im Alter von sechs bis 17 Jahren haben mindestens ein technisches Gerät in ihrem Zimmer, das ergab eine Umfrage der US-National Sleep Foundation. Kinder mit derartigen Geräten im Zimmer schlafen bis zu einer Stunde weniger als ihre Altersgenossen.

Schlafstörung als Folge:

Jugendliche, die viel Zeit vor Bildschirmen verbringen, leiden häufig an Schlafstörungen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie unter 10.000 Norwegern von 16 bis 19 Jahren. Das Risiko, zu wenig und schlecht zu schlafen, wächst nach vier Stunden vor einem Fernseher, PC, einer Spielkonsole oder einem Smartphone um 49 Prozent gegenüber Jugendlichen, die unter einer Stunde vor dem Bildschirm saßen.

Handy im Bett:

Bis zu 83 Prozent der Besitzer nehmen das Handy zwischen Polster und unter die Decke mit. Zu diesem Ergebnis kommt eine Online-Studie von KRC Research. Befragt wurden 7000 Smartphone-Nutzer in den USA, Großbritannien, Brasilien, China, Spanien, Mexiko und Indien. 60 Prozent gaben an, dass sie öfters sogar mit dem Gerät in der Hand einschlafen.

E-Book im Bett:

Das Ergebnis einer Harvard-Studie durch ein Experiment im Schlaflabor zeigt, dass Nutzer von E-Books später einschlafen als Leser eines Buches. Der Hintergrund von E-Books ist oft sehr hell, die Schrift als Kontrast extrem schwarz.

Tipps für Eltern:

1. Weigern sich Kinder am Abend, Handy, PC oder Fernseher auszuschalten, sollten Eltern die Bildschirm-Zeit schrittweise reduzieren: jede Woche eine halbe Stunde weniger, bis die gewünschte Zeitspanne erreicht ist.

2. Der Freizeitgebrauch von Computern sollte — besonders bei jüngeren Kindern — eine Stunde pro Tag nicht überschreiten. Wichtig sind regelmäßige Zeiten ohne Internet und Handy.

3. Schulkinder sollten sich tagsüber genauso lange körperlich bewegen, wie sie mit technischen Geräten verbringen.

4. Schlafprobleme ärztlich abklären. Schlafmittel sind nicht die Lösung, das gilt auch für pflanzliche Mittel. In der Regel entstehen Probleme bei Jugendlichen aufgrund der falschen Schlafumgebung. Also abends früh für dunkle Umgebung mit Rollläden sorgen, es sollte auch kühl im Raum sein, Füße und Hände sollten es warm haben. Eine Stunde vor dem Schlafengehen technische Geräte ausschalten. Frühes Aufstehen trainieren, Lieblingsmusik anmachen, Sonne ins Zimmer lassen, gutes Frühstück vorbereiten.

In den USA hat die Akademie für Kinderärzte bereits im Jahr 2004 empfohlen, Fernsehgeräte aus Schlafzimmern zu verbannen. Dies sollte dringend auch für alle anderen Medien-Geräte gelten.


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