Counter Cencic: „Arbeit ist nicht meine psychologische Spielwiese“

Paris/Wien (APA) - Er ist einer der Vielarbeiter des Klassikbetriebes, der scheinbar ohne Unterlass auf den Opernbühnen der Welt steht, oder...

Paris/Wien (APA) - Er ist einer der Vielarbeiter des Klassikbetriebes, der scheinbar ohne Unterlass auf den Opernbühnen der Welt steht, oder im Tonstudio, um wieder ein neues Projekt einzuspielen: Countertenor Max Emanuel Cencic. „Arie Napoletane“ (Decca) lautet der Titel seines jüngsten Projekts, für das der 39-Jährige wieder verschüttete Preziosen der barocken Musikliteratur ausgegraben hat.

Konkret macht sich der jüngst von Paris nach Wien gezogene Cencic, der erst als (Sänger-)Knabe in die Bundeshauptstadt kam, auf Spurensuche nach heute vergessenen Meisterwerken der Neapolitanischen Schule des 18. Jahrhunderts. „Ich arbeite in diesen Fällen mit Musikwissenschaftern zusammen, die die Forschung machen und mir Noten vorlegen. Ich alleine könnte klarerweise keine Musikarchäologie betreiben - dann hätte ich ja keine Zeit mehr zum singen“, umreißt Cencic im APA-Interview die Vorarbeit für die neue Platte.

Doch alleine die Auswahl der konkreten Werke für eine Platte bedeutet schon ein gehöriges Stück Arbeit: „Es kann schon sehr ausufernd werden, und ich sichte 150 Arien, aus denen ich zwölf auswähle. Es muss halt zu meiner Stimme passen - die Musik muss mich irgendwie ergreifen. Ein Soloalbum ist da immer eine sehr persönliche Sache, die der Künstler mit dem Publikum teilt.“

So finden sich auf „Arie Napoletane“ zehn Ersteinspielungen von Größen wie Leonardo Vinci, Nicola Porpora oder Giovanbattista Pergolesi. Für ihn typisch beschränkt sich Cencic dabei nicht ausschließlich auf die schnellen Bravourarien, sondern streut in die mit Verve interpretierten Stücke wie „Qual turbine che scende“ oder „In questa mia tempesta“ auch leisere, fast zärtliche Töne ein, die er mit seinem charakteristisch-klaren, vibratoarmen Counter intoniert.

Auf diesem Weg wird Cencic schon beinahe traditionell vom Originalklangensemble Il Pomo d‘Oro begleitet, das dieses Mal unter Leitung des erst 27-jährigen Russen Maxim Emelyanychev steht. Das in Italien beheimatete Orchester versteht es wie nur wenige andere Klangkörper Barockmusik mit einem fast rockigen Furor zu interpretieren. Gemeinsam geht man mit der neuen Einspielung ab November auf Tournee, die zunächst in den USA beginnt, wo man unter anderem in der Konzerthalle des New Yorker MoMa spielt. Weitere Auftritte sind bereits für Frankreich, Spanien sowie Deutschland und die Schweiz fixiert.

Für Österreich sind derzeit keine Termine geplant, aber am 24. September ist Cencic konzertant im Ensemble der Vinci-Oper „Catone in Utica“ im Theater an der Wien zu erleben - an der Seite von Kollegen wie Franco Fagioli, Jury Minenko oder Vince Yi, mit denen er über die vergangenen Jahre gleichsam eine Künstlerfamilie aufgebaut und schon zahlreiche Projekte realisiert hat. Eifersüchteleien zwischen den einzelnen Künstlern gebe es dabei nicht, versichert Cencic: „Meine Maxime ist, die niederen Gefühle unter Kontrolle zu halten. Das ist die Basis jeglicher Zivilisation. Eifersucht ist für mich eines der grauslichsten Gefühle. Das ist nur eine unnötige Belastung. Mich interessiert, etwas zu erschaffen und mit meinen Kollegen etwas gemeinsam zu erleben. Da geht es nicht darum, ob ich die Hauptrolle singe, sondern darum, etwas zu teilen.“

Zugleich kennzeichnet den 39-Jährigen eine erstaunliche Gelassenheit im Bezug auf seine Profession: „Unser Selbstwert als Mensch liegt nicht in der Arbeit. Meine Arbeit ist nicht meine psychologische Spielwiese. Deshalb bin ich sehr glücklich mit dem, was ich mache. Dramen gibt es natürlich immer - das ist das Leben. Aber die darf man auch nicht zu schwer nehmen.“ Da bereitet dem Neo-Pariser schon ganz etwas anderes Kopfzerbrechen: „Vor zwei Wochen hat mir das französische Kulturministerium mitgeteilt, dass man mich zum Chevalier des Arts et Lettres ernannt hat. Mein erster Gedanke war: Oh Gott, wenn jetzt die Orden kommen, werde ich alt!“

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E - www.cencic.com)