Hinsehen statt wegschauen: Künstler hilft Flüchtlingen in Israel
Tel Aviv (APA/dpa) - Jigal Schtajim möchte nicht wegsehen, wenn afrikanische Migranten in seiner Heimatstadt Tel Aviv in Armut leben. Er sei...
Tel Aviv (APA/dpa) - Jigal Schtajim möchte nicht wegsehen, wenn afrikanische Migranten in seiner Heimatstadt Tel Aviv in Armut leben. Er sei selbst der Sohn von Flüchtlingen, erklärt der Künstler. Deswegen wolle er nicht mit Scheuklappen durch die Stadt laufen und das Schicksal dieser Menschen ignorieren. Die meisten seiner Landsleute würden das Problem hingegen nicht lösen wollen.
„Ein Teil der Gesellschaft versinkt im Nationalismus“, erklärt Schtajim. Das mache die Menschen unwillig oder unfähig, Mitgefühl für das Leid anderer zu empfinden. Der 49-jährige Künstler ist einer der wichtigsten Aktivisten, die sich für Flüchtlinge in Israel einsetzen. Seine Großeltern mütterlicherseits seien vor den Nazis aus Berlin nach Südamerika geflohen, erzählt er. Die Familie seines Vaters war eine Generation zuvor vor Verfolgung aus Russland geflüchtet.
Schtajims Engagement begann, als er große Gruppen von Afrikanern sah - nach ihrer langen, gefährlichen Odyssee gestrandet in Tel Avivs Lewinski-Park in der Nähe des Busbahnhofs. Der Winter 2012 sei besonders schlimm gewesen, erzählt er. „Die Menschen waren auf der Straße, sie brauchten Essen und medizinische Hilfe.“
Mit seinem Auto brachte er Notleidende ins Krankenhaus und warb auf Facebook um Spenden. Mehrere Migranten kamen für einige Monate in seinem Atelier unter. Mit der Zeit organisierte sich eine Gruppe freiwilliger Helfer. Restaurantbesitzer brachten Essen in den Park, Rettungsorganisationen halfen, und die Stadtregierung fand Schulplätze für Tausende afrikanische Kinder.
Vor etwa neun Jahren waren die ersten Migranten aus Eritrea und dem Sudan nach Tel Aviv gekommen. Sie hatten die Sinai-Halbinsel überquert, um nach Israel zu gelangen. Viele waren von Menschenschmugglern ausgebeutet oder gefoltert worden. In Tel Aviv fanden sie Arbeit in Restaurants oder auf Baustellen. Ihr bescheidener Erfolg ermutigte Tausende weitere Menschen - bis Israel 2013 mit dem Bau eines Zauns an der Grenze zu Ägypten diese Route unpassierbar machte.
Etwa 45.000 Migranten aus Eritrea und dem Sudan halten sich noch in Israel auf, viele von ihnen im ärmlichen Süden Tel Avivs. Sie sind nicht als Flüchtlinge anerkannt und haben nur das Recht auf „temporären“ Aufenthalt in Israel, bis sie Aufnahme in Drittländern finden. Doch die Flüchtlingskrise in Europa macht dies schier unmöglich.
Israels rechtsgerichteter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat Abkommen mit Ländern wie Ruanda und Uganda abgeschlossen, die Migranten aufnehmen sollen - und bietet ihnen finanzielle Anreize. Aber nur wenige zieht es dorthin. Für die, die bleiben, ist es ein Leben in der Schwebe - die Migranten müssen ihre Aufenthaltsgenehmigungen in Israel alle paar Monate erneuern, für sie gibt es weder Krankenversicherung noch andere soziale Auffangnetze vom Staat.
Israel sei ein kleines Land und könne nicht mehr tun, lautet die Botschaft der Regierung. Schtajim hingegen fordert, zumindest einen Teil der Migranten dauerhaft aufzunehmen. Seine Arbeit mit Migranten wie jenem Mann, dessen Arme durch Folter verstümmelt wurden, habe auch seine Kunst verändert, sagt Schtajim. Er konzentriere sich nun auf sein Gegenüber. Schtajim zeigt das Porträt eines Sudanesen, das Gemälde bildet alle Details ab, fast wie ein Foto. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zeigten, dass man Fremde nicht wirklich wahrnehmen wolle, meint er. „Es ist Blindheit.“ Dagegen möchte er angehen.