Food-Trends: „Nicht krank, nur durstig“
Food-Trends versprechen neue Geschmackserlebnisse, dienen jedoch nicht der Gesundheit. Der Innsbrucker Mediziner Florian Überall entlarvt mit Tibetischer Medizin Ernährungs-Mythen.
Herr Überall, als Medizin-Professor an der Universität Innsbruck stellen Sie sich die Frage, was den Menschen krank macht. Warum liegt die Antwort in der Tibetischen Medizin?
Florian Überall: Der Fall eines Tirolers war ausschlaggebend. Der Jugendliche verlor mehrfach das Bewusstsein, stürzte und kam wegen einer Kopfverletzung in die Klinik. Die Diagnose lautete Epilepsie – was ein Leben lang die Einnahme starker Medikamente zur Folge gehabt hätte. Auf die Bitte seiner Mutter sprach ich mit ihm und kam zum Schluss, dass er nur stark allergisch auf Milch reagiert. Wir stellten seine Ernährung um, heute lebt er symptomfrei. Ohne Arznei.
Inwiefern unterscheidet sich die Diagnosestellung der Westlichen von der Tibetischen Medizin?
Überall: Bei der Tibetischen unterscheidet man die Energieprinzipien Lung (Wind), Tripa (Galle) und Bäken (Schleim). Sie regeln Körperfunktionen und sind verantwortlich, ob Organe und Geist funktionieren. Durch die Ernährung sorgt man für deren Harmonie.
Welche typischen Ernährungsfehler begehen wir in unserer „Zuckergesellschaft“, wie Sie es nennen?
Überall: Zucker wurde zum „Seelentröster“ ernannt. Kein Wunder, denn Süßes bringt die Aminosäure Tryptophan ins Gehirn, die Sekunden später für ein wohliges Gefühl sorgt. Allerdings lieben auch Krebszellen Zucker. Damit nicht genug. Wir essen zu viel Fleisch. Ratsam wäre, anfangs Salat zu essen, anschließend gut gekautes Fleisch und erst im Anschluss etwa Kartoffeln. Durcheinander erschwert den Verdauungsprozess – so, als würde man Diesel und Benzin tanken. Zudem strotzen Lebensmittel vor Geschmacksverstärkern. Echte Geschmäcker kennt man kaum noch. Wussten Sie, dass Wurst während der Verarbeitung ein blasser Brei ist, der erst durch Unmengen künstlicher Farbstoffe rot wird? Derart chemisch veränderte Nahrung hat keine heilende Wirkung. Wir verlieren den Bezug zur Nahrung.
Inwiefern bieten die drei Energieprinzipien Abhilfe?
Überall: Ich rate zu einem Persönlichkeitstest, welcher der Typen man ist. Lung ist kleingliedrig gebaut, neigt zu Übergewicht, die Haare sind trocken und dunkel. Typische Lung-Schwachstellen liegen in der Verdauung. Kommt es etwa zu saurem Aufstoßen, sollte man den Fleischkonsum einschränken. Tripa-Typen sind durchschnittlich gebaut, ihre Nägel sind elastisch, der Appetit stark. Sie leiden oft unter Schwächen der Leber und Gallenblase. Hier rate ich, den Alkoholkonsum einzuschränken und zwei Mal jährlich eine Leberreinigung vorzunehmen. Bäken-Personen sind eher grob gebaut, die Haare sind ölig, die Nase ist groß. Sie neigen zu chronischen Entzündungen, die teils in Diabetes oder Burn-out enden. In diesen Fällen sind saure, salzige und süße Lebensmittel tabu.
Das Interview führte Judith Sam
Factbox
Termine: 1. Oktober, 19:00 Autohaus Falsch in Zams 3. Oktober, 16:30, Blumenpark Seidemann, Völs 8. Oktober, 19:300, Zivilcourage, Dollinger, Driving-Village Tarrenz
Quitte, Löwenzahn und Wasser
Burnout: Was laut westlicher Medizin nur mit Psychopharmaka behandelt werden kann, ist für Tibetische Mediziner eine Entzündungskrankheit. Die Entzündung, die im Darm beginnt, raubt dem Patienten jeglichen Antrieb, er verspürt Angst und verweigert soziale Kontakte. Laut Florian Überall bringt ein gesunder, lebensfähiger Darm Heilung von innen heraus. Dazu trägt der Konsum von Herb- und Bitterstoffen, die man etwa in Löwenzahn, Artischocken, Chicoree und Gurken findet, bei.
Arteriosklerose: Auch hier liegt der Erkrankung eine Entzündung zugrunde. Zudem fördert chronischer Wassermangel die lebensbedrohlichen Einlagerungen in den Arterien. Statt Powerdrinks empfiehlt Überall, in kleinen Schlucken warmes, abgekochtes Wasser zu trinken: „Wir sind nämlich oft nicht krank, sondern nur durstig.“ Zudem helfen Biostoffe, die einen hohen Anteil an Flavonoiden und Tanninen aufweisen — etwa Quitten, hochwertiges Olivenöl und grünes Obst.
Hautkrankheiten: Ob die Haut alt, krank oder gesund aussieht, hängt von den elastischen Kollagenfasern im Zellzwischenraum ab. Diese Substanzen steuern den An- und Abtransport von Schlackstoffen. Vitamin C etwa unterstützt die richtige „Architektur“ der Haut. Zudem sind frische Wiesenkräuter dienlich, Kieselerde, bittere Salate und Gemüse.
Darmentzündungen: Früher war es gängig, in der Winterzeit Sauerkraut zu essen. Diese Tradition ist heute leider ebenso eingeschlafen wie der Konsum von Schwarzkümmelöl — der zweiten „Energienahrung“ für den Darm. Es wirkt antibakteriell, bekämpft Pilzinfektionen und sorgt für ruhigen Schlaf. Vor allem Kaiserschnittkindern tut es gut, da sie zu Darmstörungen neigen: „Weil sie bei der Geburt nicht mit den Bakterien der Vaginalschleimhaut in Berührung kamen. Die ist effizient für den Aufbau des Immunsystems.“