Zeichnend den Schrecken bannen: Luz beeindruckt mit „Katharsis“
Wien (APA) - Ein kleines Strichmännchen mit riesigen, kreisrunden Augen. Schreckensstarr und traumatisiert. Dutzende davon bringt der Zeichn...
Wien (APA) - Ein kleines Strichmännchen mit riesigen, kreisrunden Augen. Schreckensstarr und traumatisiert. Dutzende davon bringt der Zeichner Luz am Abend des 7. Jänner 2015 in einem Büro der Pariser Kriminalpolizei zu Papier. Er versucht, seine Aussage als Augenzeuge des Attentats auf „Charlie Hebdo“ zu machen. „Ehrlich gesagt, hab ich nicht viel gesehen“, sagt er, während die Männchen immer mehr werden.
Luz, der eigentlich Renald Luzier heißt, hat das Attentat, dem auch die Zeichner Charb, Wolinski, Cabu, Tignous und Honoré zum Opfer fielen, überlebt, weil er zu spät zur Redaktionskonferenz gekommen ist. Den Verspätungsgrund hat er in dem Zeichnungsband „Katharsis“ festgehalten, der dieser Tage auf Deutsch erscheint: Mit seiner Frau Camille feierte er an seinem 43. Geburtstag einen verliebten Geburtstagsmorgen im Bett. Was er wenig später in den Redaktionsräumen vorfand, ist ebenfalls im Buch zu sehen: Ein Brillenträger mit zerknittertem Mantel und Umhängetasche erklimmt das Stiegenhaus, wundert sich über die immer mehr werdenden Blutflecken am Boden und öffnet die durch Code gesicherte Tür zur Redaktion. Dahinter wartet eine einzige rote Fläche.
In der rechten unteren Ecke mischt sich ein kleiner, blauer Klecks in die rote Farbe: Es ist der Mantel seiner Frau, die ihn, alarmiert durch ein SMS des Gatten, wenig später in der Menge aus Polizisten und Journalisten vor dem Haus in die Arme schließen wird. „Katharsis“ ist Trauerarbeit, Selbstfindung und Liebeserklärung. „Katharsis“ beschriebt eine Bewegung vom Tod Richtung Leben, behandelt Eros und Thanatos in durchaus offenherzigen Bildern, zeigt die Qualen der Trauma-Verarbeitung und findet Bilder für die vielen unterschiedlichen Gefühle, die in höchster Intensität einen Menschen nach einem derartigen Erlebnis durcheinanderwirbeln.
„Eines Tages ist mir das Zeichnen abhandengekommen. Am selben Tag wie auch eine Handvoll teurer Freunde. Mit dem Unterschied, dass es zurückgekehrt ist. Nach und nach. Zugleich dunkler und leichter. Mit diesem Rückkehrer habe ich gesprochen, geweint, gelacht, geheult, und, je feiner der Strich wurde, mich beruhigt. Wir beide haben versucht, zu verstehen“, schreibt Luz in seinen Vorbemerkungen. „Wir, das Zeichnen und ich, haben uns gesagt, dass wir nie wieder dieselben sein werden.“
Die Attentäter, denen Luz vor dem Gebäude begegnete, tauchen in den Zeichnungen als Balletttänzer auf, die zum „Tak Tak“ ihrer automatischen Waffen Pirouetten drehen, aber auch als kleine Buben im Zeichenunterricht oder als Gespenster, die sich nur schwer vertreiben lassen. Zeichnungen beschäftigen sich mit den Reaktionen von Presse und Öffentlichkeit in den Tagen danach, als jeder „Charlie“ sein wollte, zeigen das Ausgesaugt-Werden durch eine die Toten zum Widerstands-Symbol erhebende Welle der Sympathie und halten die bedrückende Realität des Rund-um-die-Uhr-Personenschutzes fest.
Luz zeichnet sich in der Zwiesprache mit dem toten Charb oder mit fanatisierten Gegnern, die in jedem Tintenklecks eine Provokation sehen wollen. Er zeigt Wut und Trauer, die einen Menschen buchstäblich zerreißen können, den Schrecken, der einem in die Knochen fährt, und gibt dem Kloß im Bauch, der sich hart zusammengeballt hat und sein ständiger Begleiter wird, ein Gesicht. „Katharsis“ ist ein bewegendes Dokument über die Kraft der Kunst.
Anders als der Dokumentarfilm „L‘ Humour à mort“ von Daniel und Emmanuel Leconte, der vor einer Woche beim Filmfestival in Toronto seine Premiere feierte und im Dezember in Frankreich anlaufen wird, ist „Katharsis“ ein radikal privater Aufarbeitungsversuch, der jeglichen Symbolcharakter verweigert. „Ich war glücklich während der Arbeit daran“, sagt Luz in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. „Nicht, weil es mich glücklich gemacht hätte, meine Psyche zu Papier zu bringen, sondern weil ich während der Arbeit merkte, dass ich noch lebendig bin, ich hatte den Eindruck: Das swingt irgendwie. Und bei ‚Charlie Hebdo‘ habe ich keinen Swing mehr gefühlt. Ich war außer Atem, und ich war nicht mehr stolz auf meine Arbeit.“
Mittlerweile hat Luz bei „Charlie Hebdo“ gekündigt. Und hat nicht nur beruflich eine neue Perspektive. „Habe ich erzählt, dass wir ein Kind bekommen?“, schließt sein „Spiegel“-Gespräch. „Im Dezember ist es so weit. Das Leben ist schön.“ ?
(S E R V I C E - Luz: „Katharsis“, Comic, Aus dem Französischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald, S. Fischer Verlag, 17,50 Euro)