Ukraine-Investoren brauchen langen Atem

Kiew/Wien (APA) - Trotz vieler Zahlungsausfälle ruft der Wirtschaftsdelegierte Österreichs in der Ukraine, Hermann Ortner, die heimischen Fi...

Kiew/Wien (APA) - Trotz vieler Zahlungsausfälle ruft der Wirtschaftsdelegierte Österreichs in der Ukraine, Hermann Ortner, die heimischen Firmen zu Investitionen in dem von der Krise mit seinem Nachbarn Russland geschüttelten Land auf. Gute Geschäftschancen gebe es im Agrarsektor, bei Energieeffizienz-Themen und in der Nahrungsmittelindustrie, sagte Ortner vor österreichischen Journalisten in der Hauptstadt Kiew.

Er glaube, dass es mit der Wirtschaft des Landes aufwärts gehen werde, wiewohl die Prognosen für heuer von 9 Prozent BIP-Rückgang ausgingen - nach 7 Prozent Minus im Vorjahr; nominell sank das ukrainische BIP 2014 von 182 auf 117 Mrd. Dollar. Doch schon 2013 und 2012 waren Stagnationsjahre, zuletzt wuchs das BIP real 2011 um 5 Prozent.

Österreichs Exporte in die Ukraine hätten sich im 1. Halbjahr halbiert, so Ortner. Die Währung sei nur mehr 40 Prozent dessen wert wie Anfang 2014, was Importe verteuerte. Zugleich seien die Einkommen um 40 Prozent abgesackt, obwohl die Energiepreise aufs Dreifache geklettert seien: „Das heißt, der nächste Winter wird nicht einfach.“

Die Inflation - 2014 bei 25 Prozent - drohe heuer auf 45 Prozent zu steigen, was „auch ein soziales Problem“ darstelle. Der Maidan, also die Revolution, habe etwas geleistet, doch fehle die Belohnung für die Menschen.

Ein Aufschwung in der Ukraine werde ohne Außenwirtschaft und massive Investitionen nicht möglich sein. Die jetzige Regelung, dass Gewinne nicht ins Ausland transferiert, sondern reinvestiert werden müssten, sei natürlich nicht angetan, die Investitionen anzukurbeln: „Investoren hier brauchen aber einen langen Atem“, so Ortner, denn es gebe viele Zahlungsausfälle, auch Zahlungsunwilligkeit - „die Importeure haben ja kein Geld“. Seit den Maidan-Ereignissen vor eineinhalb Jahren gebe es praktisch kaum noch neue Investments, räumte er ein, „das sind jetzt eher die Mühen der Ebene“. Vorteil für Firmen aus Österreich sei, dass schon viele heimische Dienstleister da sein, etwa Raiffeisen Bank und UniCredit.

Grundsätzlich stelle die Ukraine als geografisch nahe liegender und wegen seines großen Nachholbedarfs recht aufnahmefähiger Markt eine interessante Export-Destination für österreichische Firmen dar, so Ortner. Der Rückgang der ukrainischen Wertschöpfung hänge primär mit diversen lokalen Problematiken wie dem Ostukraine-Konflikt und dem teils eher schwierigen Geschäftsklima zusammen.

2014 gingen die ukrainischen Warenimporte um 29 Prozent und heuer bis Juni um fast 39 Prozent zurück. Österreichische Ausfuhren in die Ukraine gaben voriges Jahr um 25 Prozent auf 512 Mio. Euro nach, heuer halbierten sie sich bis Juni auf 149 Mio. Euro. Österreichs Importe aus der Ukraine gingen heuer im ersten Halbjahr ebenfalls zurück, um fast 27 Prozent auf 255 Mio. Euro. Dieser weit geringere Rückgang bewirkte eine Ausweitung des Handelsbilanzdefizits zulasten Österreichs. Den Grund sieht Ortner darin, dass die EU den Zugang ukrainischer Importe zum EU-Markt schon einseitig erleichtert hat, obwohl das Inkrafttreten eines umfassenden Freihandelsabkommens auf Anfang 2016 verschoben wurde.

Refinanzierungsmöglichkeiten für ukrainische Firmen seien im Kontakt der allgemeinen wirtschaftlichen und geschäftlichen Sicherheiten eher schwierig zu bewerkstelligen. Heimische Exporteure sollten auf Vorauskasse oder Akkreditiven bestehen - was in anderen Ländern, etwa der Schweiz, als Beleidigung gelte, sei in der Ukraine Usus. Steigenden Stellenwert würden künftig Projekte haben, die der Förderung der Energieeffizienz dienen.

~ WEB http://wko.at ~ APA242 2015-09-21/12:23