Diese Macht ist nicht von seiner Welt: Fremdelt der Papst in den USA?

Washington (dpa) - Der wichtigste Fürsprecher der Machtlosen besucht die größte Supermacht der Erde. Wenn das Oberhaupt der katholischen Kir...

Washington (dpa) - Der wichtigste Fürsprecher der Machtlosen besucht die größte Supermacht der Erde. Wenn das Oberhaupt der katholischen Kirche nun den USA-Teil seiner Reise beginnt, prallen gleich mehrere Welten aufeinander. Pro Klima, kontra Kapitalismus: Papst Franziskus liegt mit vielen Herzensanliegen überkreuz mit der hiesigen Politik - und auch der amerikanischen Kirche. Die USA, streitbares „land of the free“, sind für den Papst sicher keine Wohlfühlzone.

Nie zuvor war der 78-jährige Argentinier in den USA. „Wir waren nie das Zentrum seiner Welt“, sagt John Carr von der Georgetown Universität. „Franziskus wäre lieber in den Slums Argentiniens als in den Korridoren der Macht.“

„Ich bitte Sie. Franziskus hat früher in Lateinamerika mit den Ärmsten der Armen vor ihren Hütten gesessen. Der Segen der Globalisierung hat sich ihm seither nicht wirklich erschlossen“, sagen Wegbegleiter Jorge Mario Bergoglios in Briefings vor der Reise.

In einigen seiner 18 Reden und Predigten in den USA dürfte der Papst auch der US-Regierung ins Gewissen reden. Franziskus will eine neue Wirtschaftsordnung, sieht in globalen Märkten - und ausdrücklich in der Finanzindustrie - Zerstörer des Gemeinwohls, prangert die Verflechtung von Politik und Rüstungsindustrie an. US-Konservative nennen den Papst schon einen Marxisten.

Franziskus ist der vierte Papst, der die USA besucht und der dritte, der ins Weiße Haus kommt. Ihm wird die seltene Ehre zuteil, am Flughafen vom US-Präsidenten und dessen Frau abgeholt zu werden. Das Programm ist extrem eng gesteckt.

Vor beiden Kammern des Kongresses wird er sprechen, Ground Zero in New York besuchen und die UN-Vollversammlung. Er ist in einer sozialen Einrichtung und im Madison Square Garden, einem Gefängnis und einer Schule, fährt im offenen Wagen an Zehntausenden vorbei, an der National Mall in Washington und durch den New Yorker Central Park. Bis zu zwei Millionen Menschen könnten zur Abschlussmesse des Weltfamilientages in Philadelphia kommen.

Für Washington, New York und Philadelphia wird das nicht nur himmlisch. Die Sicherheitskräfte sagen, einen solchen Großeinsatz - verschränkt mit den Anforderungen der UN-Woche - habe es für sie noch nie gegeben. Die Innenstädte werden immer wieder lahm liegen.

Viele der hispanischen Katholiken sind hocherfreut über die Heiligsprechung Junípero Serras, der im 18. Jahrhundert in Kalifornien missionierte. Es ist die erste Heiligsprechung auf US-Boden. Andernorts hält sich der Jubel auch darüber in Grenzen - nicht nur, weil Serras Mission sehr umstritten ist.

Franziskus, der Hochpolitische, lässt sich nicht einsortieren in die starren Rechts-Links-Linien, in die sich Demokraten und Republikaner seit längerem eingegraben haben.

„Es wird ein paar Botschaften geben, bei denen wir voller Respekt nicht zustimmen oder Differenzen haben könnten“, sagt Obama-Berater Charles Kupchan aus dem Weißen Haus. Andererseits liege der Papst beim Kampf gegen den Klimawandel, Ungleichheit und Armut voll auf Linie des Präsidenten. Auf der der Republikaner natürlich nicht.

John Boehner, der sonst gern raubautzige Vorsitzende des Repräsentantenhauses, gibt sich diesmal milde. Er kann auch schlecht losledern, immerhin hat er Franziskus in den Kongress eingeladen. Man werde nicht in allem übereinstimmen, sagt Katholik Boehner milde. Es gebe schon kontroverse Themen, aber: „Hey, es ist der Papst!“

Andere sind deutlicher. Bei allem Respekt, der Papst solle doch lieber Seelen retten als das Klima. Franziskus solle sich bitte völlig aus der Politik heraushalten. Mindestens ein Abgeordneter, Paul Gosar, wird der historischen Rede im Kongress fernbleiben.

Sechs republikanische Präsidentschaftskandidaten sind katholisch: Jeb Bush, Marco Rubio, Chris Christie, Bobby Jindal, Rick Santorum und George Pataki. Sie wandeln nun auf dem schmalen Grat, gleichzeitig ihrem Papst Respekt erweisen und ihre franziskuskritische Partei bei Laune halten zu müssen.

Auch manchem Würdenträger der mächtigen und reichen katholischen US-Kirche ist der Mann aus dem Süden mit seinen radikalen Ansichten nicht recht behaglich. Dabei ist Franziskus bei aller profunden Öffnung und aller Imageverbesserung seiner Kirche, bei allen neuen Wegen und den medienwirksamen Statements in Fragen von Glauben und Lehre stockkonservativ. Er ist auf Twitter, ein Progressiver ist er nicht.

Die knapp sechstägige Reise durch die USA, sie wird bei wohl ordentlichem Wetter ein bildstarkes Ereignis werden. Mit mächtigen Inszenierungen kennt sich die katholische Kirche gut aus. Dabei kommt Franziskus in das Mutterland des Fernsehens als ein Mann, der angeblich seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr ferngesehen hat.