VW-Aktie im freien Fall: Winterkorn offenbar vor Ablösung
Bei internen Prüfungen kam heraus, dass die Software für Abgas-Manipulationen in insgesamt elf Millionen VW-Dieselfahrzeugen vorhanden ist. Derzeit prüft die US-Justiz, ob dem Konzern kriminelle Machenschaften vorzuwerfen seien. Die VW-Aktie büßte bereits mehr als 27 Mrd. Euro an Wert ein.
Wolfsburg/Washington - Der Volkswagen-Konzern hat laut einem Zeitungsbericht die Krisensitzung seines Aufsichtsratspräsidiums vorgezogen. Das Gremium komme nicht erst am Mittwoch zusammen, sondern tage bereits am Dienstagabend am Flughafen Braunschweig, berichtete die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ vorab.
Unter Berufung auf Kreise des Aufsichtsrats hieß es, VW-Chef Martin Winterkorn habe wegen der Abgas-Affäre das Vertrauen großer Aktionäre verloren. Er stehe deshalb offenbar unmittelbar vor der Ablösung.
Elf Millionen Autos betroffen
„Wir waren unehrlich zur Umweltbehörde EPA, wir waren unehrlich zu den Behörden in Kalifornien und, am schlimmsten von allem, wir waren unehrlich zu unseren Kunden. Um es auf gut Deutsch zu sagen: Wir haben Mist gebaut.“ Mit diesen Worten entschuldigte sich am Montagabend (Ortszeit) VW-Amerika-Chef Michael Horn in New York für den Skandal um manipulierte Abgaswerte bei fast einer halben Million Dieselfahrzeugen in den USA.
Manipulationssoftware in elf Millionen Autos eingebaut
Die Software zur Manipulation der Abgaswerte ist nach Angaben des Volkswagen-Konzerns auch in weiteren Dieselfahrzeugen eingebaut. Weltweit seien elf Millionen Fahrzeuge betroffen, teilte Volkswagen am Dienstag mit. Die beanstandete Software beeinflusse aber weder Fahrverhalten, Verbrauch noch Emissionen.
Für „notwendige Servicemaßnahmen“ und weitere Anstrengungen, um das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen, wolle Volkswagen im dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahrs 6,5 Mrd. Euro zurückstellen. Die Ergebnisziele für das Jahr 2015 würden „dementsprechend angepasst“.
Gewinnwarnung ausgegeben
Seit dem Bekanntwerden der Affäre ist beim Wolfsburger Traditionskonzern Feuer am Dach. Die Aktie nahm ihre Talfahrt am Dienstag wieder auf. Bis zum Mittag schmierte das Papier an der Frankfurter Börse erneut mehr als 20 Prozent ab. Bereits am Vortag hatte VW an der Börse fast ein Fünftel seines Werts verloren. Damit büßte der Konzern seit Bekanntwerden des Abgas-Skandals knapp 27 Mrd. Euro an Börsenwert ein. Dies entspricht in etwa der gesamten Marktkapitalisierung der Münchener Rück, des weltgrößten Rückversicherers. Dies zwang den Konzern zu einer Gewinnwarnung. Im dritten Quartal werden rund 6,5 Milliarden Euro „ergebniswirksam zurückgestellt“, hieß es aus der Firmenzentrale.
Zudem drohen dem Autobauer in den USA, wo laut Medien strafrechtliche Ermittlungen möglich sind, eine Strafzahlung von bis zu 18 Milliarden Euro und enorme Schadenersatzklagen.
Jobs in Gefahr
Auch andere Länder - darunter die Schweiz, Südkorea und Australien - verlangten Aufklärung und kündigten Sondertests bei VW-Modellen an. Frankreich forderte eine Untersuchung auf europäischer Ebene. Der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt kündigte eine strenge Prüfung sämtlicher VW-Dieselmodelle auf dem deutschen Markt durch unabhängige Gutachter an.
Massive Folgewirkungen dürfte der Skandal auf die deutsche Wirtschaft insgesamt haben, erklärte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). „Der Imageschaden wird VW nicht nur in den USA, sondern auch global teuer zu stehen kommen. Damit werden auch Jobs bei VW und vielen Zulieferern in Deutschland gefährdet sein“, sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher der Bild-Zeitung. Da VW bisher ein „Aushängeschild“ für Produkte aus Deutschland sei, könnten „auch andere deutsche Exporteure Schaden nehmen“.
Auch andere Hersteller unter der Lupe
Daimler erklärte, man sei nicht von den Ermittlungen der US-Umweltbehörde betroffen. Bei BMW hieß es, die US-Behörde habe ein Dieselmodell getestet und keine Verstöße festgestellt. Die US-Umweltschutzbehörde EPA hatte am Montag angekündigt, auch die Diesel-Fahrzeuge von anderen Autobauern unter die Lupe zu nehmen. (siha, tt.com/APA/dpa/AFP)