Internationale Pressestimmen zu Griechenland
Athen (APA/dpa) - Zum Wahlsieg von Alexis Tsipras schreiben die Zeitungen am Dienstag:...
Athen (APA/dpa) - Zum Wahlsieg von Alexis Tsipras schreiben die Zeitungen am Dienstag:
„Guardian“ (London):
„Trotz seiner Kehrtwende hin zu einem Sparprogramm hat (Ministerpräsident Alexis) Tsipras das Image eines mutigen Verteidigers seines Landes erhalten. Mit dieser eindeutigen Unterstützung durch die Wähler hat er nun die Schlüssel in der Hand, um das Land zu modernisieren. Zweifellos besteht jetzt die Hoffnung, dass Tsipras Griechenland in ein zuverlässigeres Mitglied der EU verwandeln kann, und dass keine Gefahr mehr besteht, dass die EU auseinanderbrechen oder geschwächt werden könnte. Das ist der Grund, weshalb die europäischen Partner Griechenlands trotz der Spannung der letzten Monate jetzt bereit sind, Tsipras zu unterstützen.“
„de Volkskrant“ (Amsterdam):
„Für die Eurozone ist das Ergebnis eine gute Nachricht. Wenn selbst die linke Basis der Syriza Tsipras Absolution erteilt, ist die griechische Politik erkennbar in ruhigeres Fahrwasser gekommen. Parteien, die gegen das europäische Hilfspaket mit seinen strengen Reformauflagen sind, haben nur begrenzte Unterstützung erhalten. So blieb die Partei Volkseinheit, die sich aus Ärger über Tsipras‘ ‚Verrat‘ von der Syriza abgespalten hatte, sogar unter der Sperrklausel stecken. Doch auch wenn die schlimmsten griechischen Stürme vorbei zu sein scheinen, können sich die europäischen Regierungschefs längst nicht beruhigt zurücklehnen. Tsipras versprach zwar, sich an die Bedingungen des Hilfspakets zu halten. Aber zugleich rühmte er den ‚Widerstand‘ der Griechen im Kampf für ihre ‚Würde‘. Das ist eine politische Mischung, die sich durchaus noch als giftig erweisen könnte.“
„Liberation“ (Paris):
„Im Gegensatz zu dem, was gesagt oder geschrieben wurde, hat die griechische Regierung für die Zustimmung zu den Forderungen Brüssels Gegenleistungen bekommen: Bedeutende Kredite, die sofort gewährt werden, und bestimmte Schuldenerlasse, die später auf den Tisch kommen. Auf jeden Fall geht der Kampf für eine andere europäische Politik weiter, die nicht so eng mit den Märkten verflochten ist, sondern eher den Interessen der Bevölkerung dient. Dies ist ein harter Kampf, doch die Wahlentscheidung der Griechen ist eine hochwillkommene Stärkung der Linken in Europa.“
„Le Monde“ (Paris):
„Griechenland hat jetzt zum ersten Mal einen starken Ministerpräsidenten. Er hat es geschafft, die radikale Linke zu mäßigen, die sich in eine Regierungspartei verwandelt hat. Die Einigung mit den Europäern ist eine Belastung: Sie erfordert strenge Einsparungen, verbessert aber auch die Wettbewerbsfähigkeit in einem Land, das von Kartellen beherrscht wird. Ohne eine leistungsfähige Wirtschaft wird Griechenland niemals seine Probleme lösen können. Diese politische Klärung durch die Parlamentswahlen war nötig. Man kann (Ministerpräsident Alexis) Tsipras des Verrats bezichtigen. Doch er hat wenigstens seine Kehrtwenden durch die Wähler legitimieren lassen.“
„Pravda“ (Bratislava):
„Alexis Tsipras hat am Sonntag das Mandat bekommen, Griechenland in der Eurozone zu halten und über bessere Bedingungen für weitere Hilfskredite zu verhandeln. Wie ihm das gelingen soll, ist ein anderes Thema. Auf seiner Seite steht der Internationale Währungsfonds, der die weitere Hilfe mit einem Schuldenerlass koppeln will. Auf der Gegenseite lehnt Deutschland ab, über einen Schuldenschnitt auch nur zu diskutieren. Wenn wir auch noch bedenken, wie unberechenbar die Finanzmärkte sind, sieht es für Tsipras nicht rosig aus.“
„Politiken“ (Kopenhagen):
„Stabilität in Griechenland hat eine neue Bedeutung bekommen. Nicht nur für das Land selbst, sondern auch für die Flüchtlingskrise in Europa und für den Umgang mit den verschuldeten Ländern im Süden. Deshalb können wir jetzt erleben, dass sich die EU über den klaren Sieg der linken Syriza bei den Wahlen am Sonntag freut. Syriza, die nur einen Schritt vom Austritt Griechenlands aus dem Euro und der EU entfernt war, hat die Verantwortung auf sich genommen und steht jetzt als Garant für nüchterne Verhandlungen um eine Lösung der schweren Wirtschaftskrise. Nur Tsipras ist heute der Garant für die Reformen, die er und seine Partei zuvor ablehnten.“
„Magyar Nemzet“ (Budapest):
„Wie sehr sich Tsipras nicht für die Migrationsproblematik interessiert, zeigte sich daran, dass er in der Wahlnacht als wichtigste Priorität den Schuldenschnitt bezeichnete. Über die Einwanderer verlor er kaum ein Wort. Gewiss, das ist verständlich, denn die Wirtschaftskrise ist aus Griechenland nicht verschwunden, das heißt, es herrscht tatsächlich Handlungsbedarf. Zugleich vermittelt aber das völlige Übergehen der Flüchtlingsfrage keine gute Botschaft für den Balkan beziehungsweise für die EU-Länder an der Außengrenze des Schengen-Raums (darunter Ungarn).“
„Corriere della Sera“ (Mailand):
„Der letzte Tag des Sommers 2015 geht in die Geschichte ein als der Tag des Triumphes von Alexis Tsipras. Sicher. Auf kontinentaler Ebene wird man aber schnell begreifen, dass die griechischen Wahlen vom vergangenen Sonntag von Angela Merkel gewonnen wurden. Es war sie, die Anfang Juli den Anführer von Syriza bei der Hand nahm und ihn dazu brachte, den Erfolg bei seinem Referendum in etwas potenziell Nutzbringendes für Griechenland und Europa umzusetzen: Die Annahme der harten Konditionen für das dritte europäische Hilfspaket.“