Tempelberg: Eigentlich zu heilig zum Betreten
Jerusalem (APA/AFP) - Die Zahl jüdischer Besucher auf der Hochfläche vor der Al-Aksa-Moschee in der Jerusalemer Altstadt ist in den vergange...
Jerusalem (APA/AFP) - Die Zahl jüdischer Besucher auf der Hochfläche vor der Al-Aksa-Moschee in der Jerusalemer Altstadt ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Extremistische Nationalreligiöse fordern, anstelle des auf dem biblischen Tempelberg vor 1.300 Jahren errichteten islamischen Felsendoms einen neuen jüdischen Tempel zu errichten und planen dies aktiv.
Rechtsradikale Juden, darunter Minister der aktuellen Regierung, wollen zumindest ein Gebetsrecht für Juden auf dem Tempelberg durchsetzen. Muslime im In- und Ausland fürchten, dass Israel ihnen auf dem Al-Aksa-Gelände die Religionsausübung streitig machen will.
Obwohl die israelische Regierung immer wieder versichert, sie wolle am Status Quo auf dem Tempelberg festhalten, entzünden sich am verstärkten Besucherandrang während der im September gehäuften jüdischen Feiertage starke Konflikte. Dabei verbieten die Chefrabbiner gläubigen Juden sogar, die Fläche zu betreten.
Seit die römische Besatzungsarmee den Zweiten Tempel der aufständischen Juden im Jahr 70 komplett zerstörte, gibt es unter den Rabbinern einen theologischen Disput darüber, ob der einstige Standort noch betreten werden kann. Denn eigentlich müssten zuerst rituelle Bäder angelegt werden, die ein sukzessives Vorgehen und neues Erschließen der allerheiligsten Stätte des Judentums erlauben würden. Heute jedoch stehen auf dem rechteckigen Hochplateau die Al-Aksa-Moschee und der Felsendom.
Der Prophet Mohammed soll von dort seine Himmelfahrt angetreten haben. Für den Islam ist das „Edle Heiligtum“ nach Mekka und Medina deshalb die drittheiligste Stätte. Auch nach der Besetzung Ost-Jerusalems durch die israelische Armee 1967 blieb das Plateau unter Verwaltung der jordanischen Wakf (Arabisch für „fromme Stiftung“). Die alleinige Polizeihoheit beansprucht dort dagegen Israel.
Das Judentum verehrt den Ort des Zweiten Tempels, der unter Herodes dem Großen noch einmal stark erweitert worden war, als seine wichtigste heiligen Stätte. Nur dort sei eine direkte Verbindung zu Gott herstellbar. Die Klagemauer, ein hoher Stützwall an der Westseite des Plateaus, dient heute als zentrale Gebetsstätte. Denn auf Beschluss der israelischen Sicherheitsbehörden dürfen Juden - wie andere nichtmuslimische Besucher - die Hochfläche zwar besichtigen, aber dort nicht beten.
Doch schon das Betreten des Tempelbergs ist unter den jüdischen Glaubensgelehrten höchst umstritten. Die Mehrheit lehnt dies ab; das Oberrabbinat verkündet auf großen Schildern vor dem Eingang, die Heiligkeit des Orts verbiete Juden einen Besuch.
Andere Rabbiner interpretieren hingegen, das Verbot bestehe nur für „das Heiligste im Heiligen“, also den Felsendom und seine direkte Umgebung. An den Rändern könne das Plateau, zumal barfuß, dagegen begangen werden, ohne gegen Glaubensgesetze zu verstoßen. Eine radikale Minderheit nationalreligiöser Rabbiner sieht es sogar als Pflicht an, den Tempelberg möglichst oft zu besuchen und dort zu beten.
So beschränkte sich die Zahl jüdischer Besucher jahrzehntelang auf wenige Dutzend pro Jahr. Doch mit dem vermehrten Auftreten von Tempelberg-Aktivisten änderte sich dies. Von 2009 bis 2014 verdoppelte sich die Zahl jüdischer Besucher von 5600 auf 10.900, berichtet der auf das Thema spezialisierte israelische Journalist Arnon Segal. Laut amtlicher israelischer Statistik besuchen zugleich jährlich 200.000 Christen die Stätte.