VW-Dieselskandal - Deutsche Wirtschaft wegen Affäre in Schockstarre
Berlin/Wolfsburg (APA/Reuters) - Die erste Reaktion auf den VW-Abgasskandal ist in weiten Teilen der deutschen Wirtschaft pure Sprachlosigke...
Berlin/Wolfsburg (APA/Reuters) - Die erste Reaktion auf den VW-Abgasskandal ist in weiten Teilen der deutschen Wirtschaft pure Sprachlosigkeit, Schockstarre. Egal, ob beim Industrieverband BDI, dem deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) oder beim Handelsverband BGA - niemand wollte sich öffentlich äußern.
Nur hinter vorgehaltener Hand war bei dem einen oder anderen Wirtschaftsvertreter von einem „Image-GAU“ für die so stark auf den Export ausgerichtete deutsche Autoindustrie die Rede. „Das Gütesiegel ‚Made in Germany‘ insgesamt hat kräftige Kratzer bekommen“, klagt ein führender Wirtschaftsvertreter. Und er steht nicht alleine.
Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, stieß in das gleiche Horn. Der seit Jahrzehnten andauernde Erfolg der Exportnation Deutschland beruhe nicht auf billigen Preisen, er beruhe auf Qualität, sagt er. Das mache das „Made in Germany“ aus. „Die VW-Affäre könnte somit nicht nur VW, sondern auch viele andere deutsche Exporteure treffen und das Vertrauen in Produkte ‚Made in Germany‘ schwächen.“ Das VW-Problem könnte Deutschland an einer verwundbaren Flanke treffen. Seit langem warnen Experten, darunter auch der Internationale Währungsfonds (IWF): Die hohe Exportabhängigkeit Deutschlands berge Risiken. Eines davon ist offenbar: wenn deutsche Produkte in der Welt ihren guten Namen verlieren, dann könnte das am Ende die gesamte deutsche Wirtschaft treffen.
Schon Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel ließ die Sorge erkennen, dass sich die VW-Verfehlung zu einem Problem weit über den Wolfsburger Konzern hinaus auswachsen könnte. „Dass wir Sorgen haben, dass der berechtigte, exzellente Ruf der deutschen Automobilindustrie und insbesondere Volkswagens darunter leidet, das können Sie sicherlich verstehen.“ Zwar vergaß er nicht darauf hinzuweisen, dass er dennoch nicht mit einem dauerhaften Schaden für die deutsche Industrie rechne. Doch da ist ganz offensichtlich der Wunsch, die Hoffnung, weit mehr der Vater des Gedankens als die pure Realität.
Schließlich ist Volkswagen kein deutscher Konzern wie jeder andere. „VW steht wie kaum ein zweites Unternehmen für Produkte ‚Made in Germany‘ - nämlich für Perfektion, Zuverlässigkeit und Vertrauen“, beschrieb DIW-Präsident Fratzscher die Rolle der Wolfsburger. Das Unternehmen, das den schier endlos laufenden „Käfer“ auf die Straßen der Welt brachte, sei eine Institution und stehe seit langem für Deutschland.
Es ist noch nicht allzu langer her, da befasste sich der Industrieverband BDI mit dem Gewicht dieses „Made in Germany“. In einer Umfrage Anfang vergangenen Jahres erklärten 84 Prozent der befragten Industriefirmen, für sie sei dieses Gütesiegel für deutsche Produkte der wichtigste Standortfaktor Deutschlands.
Volkswagen allerdings steht nicht nur für das „Made in Germany“, der Name zählt selbst als Marke zu dem wertvollsten, was die deutsche Wirtschaft zu bieten hat. So ist der Konzern auch Mitglied des Markenverbandes, der die meisten der großen Namen umfasst, mit denen Deutschland in der Welt seit Jahrzehnten erfolgreich ist: von A wie Alete über O wie Osram bis W wie Warsteiner. „Marke ist Verantwortung“, prangt auf der Internet-Startseite des Markenverbandes. „Marken haben seit mehr als 100 Jahren einen großen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung“, heißt es selbstbewusst. Durch professionelle Pflege der Marke „gewinnt der jeweilige Anbieter einen Wettbewerbsvorteil“ und erhöht den Wert des Unternehmens.
Bei VW kann das nun nach hinten losgehen - und gleich das Ansehen der gesamten deutschen Wirtschaft im Ausland ankratzen. Welche Folgen das ganz konkret haben kann, können die Wolfsburger in der eigenen Konzerngeschichte nachblättern. In den 1980er-Jahren gab es bei der Tochter Audi in den USA ein vermeintliches technisches Problem mit dem Begriff „unintended acceleration“ - unbeabsichtigte Beschleunigung. Auch wenn kein Fehler gefunden wurde - der Audi-Absatz in den USA brach damals dramatisch ein und erholte sich bis weit in die 90er-Jahre nur wenig. Das Imageproblem währte Jahre. Ähnlich könnte es nun auch der Marke VW ergehen.
~ ISIN DE0007664039 WEB http://www.volkswagenag.com ~ APA319 2015-09-22/13:24