Kunst

Die linke Seite des Populismus

© Lea Rizzi Ladinser / TT

Seit drei Jahren leitet Nicolaus Schafhausen die Kunsthalle Wien. Ein Gespräch über Kunst als Seismograf der Gesellschaft, Standortfragen und das nächste Ausstellungsprojekt.

Auf die Wien-Wahl im Oktober antwortet die Kunsthalle Anfang November mit der Ausstellung „Politischer Populismus“. Was kann die Kunst zu diesem Thema sagen, ohne selbst populistisch zu werden?

Nicolaus Schafhausen: Also erstmal kommentieren wir keine Wahl, sonst hätten wir den Termin ja vor die Wahl gesetzt. Diese Ausstellung hat eine gewisse Genese: Ich habe vor zehn Jahren gemeinsam mit zwei anderen Kuratoren eine Ausstellung mit dem Titel „Populism“ entwickelt. Das Ganze war eine Reaktion auf den Aufstieg der Rechten Anfang der 2000er-Jahre — das Haider-Phänomen, das Wilders-Phänomen etc. Es ging dabei auch um die Frage: Was bedeutet das für Kunst? Für Kunstentwicklung? Für die Freiheit der Kunst? Klarerweise war das eine andere Situation als heute. Aber Populismus wird ja immer noch als reines Phänomen und Schimpfwort, wenn man so will, nur den rechten Parteien unterstellt. Die Frage ist aber, inwieweit sich inzwischen auch die Linke der Rhethorik des Populismus, der verknappten Aussagen bedienen muss oder soll. Ich will das nur so dahingestellt wissen.

Tut sie das nicht schon längst?

Schafhausen: Natürlich. Auch die Grünen tun das permanent. Und auch Varoufakis ist natürlich ein klassischer Populist, nur als Beispiel. Wir sondieren also quasi einen gesellschaftlichen Zustand und kommentieren ihn in dem Fall mit 23 internationalen Künstlerinnen und Künstlern, die dieses Thema allesamt total interessant finden. Und was so eine Ausstellung leisten kann, ist hoffentlich eine Sensibilisierung für das, was wir uns permanent anhören müssen.

Sie haben seit Ihrem Amtsantritt vor drei Jahren ein sehr diskursives Programm gezeigt, etwa mit Ausstellungen zu Themen wie Angst und produktive Verweigerung, einem Festival zu Thomas Bernhard oder einer Konferenz zu kuratorischer Ethik.

Schafhausen: Das ist auch bewusst so angelegt und hat natürlich etwas mit den lokalen Gegebenheiten zu tun. Meiner Ansicht nach füllen wir mit diesem spezifischen Programm eine Leerstelle, die andere nicht füllen. Dafür gab?s in Wien zum Teil aber auch scharfen medialen Gegenwind.

Vorgeworfen wurde Ihnen etwa auch, sich zu wenig um die junge heimische Szene zu kümmern.

Schafhausen: Ich will jetzt keine Medienschelte betreiben, aber da ging auch vieles an der Realität vorbei. Der Kunsthalle Wien ist als Auftrag eingeschrieben, internationale Gegenwartskunst zu zeigen und zu kommentieren. Es gibt andere Einrichtungen, die auch ganz andere Rollen haben. Und da frage ich mich auch, erfüllen die die oder nicht. Was die österreichische Kunst betrifft, hört man in Wien immer wieder nur die gleichen Zirkel, die gleichen Namen. Und wer da reindarf und wer nicht, da gibt es eine gewisse Definitionsmacht, auch von österreichischen Medien. Das sehe ich skeptisch.

Sie selbst haben von Anfang an auch mit dem Standort der Kunsthalle im Museumsquartier gehadert. Tun Sie es noch?

Schafhausen: Ich kritisiere den Standort nicht, der ist, wie er ist, und man kann damit umgehen. Aber das Konzept des Museumsquartiers als solches bedarf permanenter Reformen. Das passiert in gewisser Weise auch, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das die Modelle für die nächsten Jahrzehnte sind. Die Kunsthalle Wien hat ja zwei Standorte. Und ich fände es durchaus überlegenswert, ob man die Ressourcen nicht vielleicht besser einsetzen könnte, an einem Ort, der auch leichter zu identifizieren ist als einzelne Institution. Ich persönlich hätte das gerade in der Zeit der Umstrukturierung des Hauptbahnhofs für eine interessante kulturpolitische Überlegung gehalten. Ich bin mir nicht sicher, ob solche Einrichtungen wie eine Kunsthalle nur in einem Innenstadtbezirk sein können. Oder nicht vielleicht auch dort, wo die Leute sind.

Die kulturpolitischen Überlegungen scheinen derzeit aber auf das Haus der Geschichte konzentriert zu sein. Was halten Sie davon?

Schafhausen: Ich habe grundsätzlich überhaupt nichts gegen Häuser der Geschichte. Es kommt darauf an, wie sie ausgefüllt werden. Aber leider wird überhaupt nicht über das Wesentliche, die Formate, gesprochen, das, was da passieren soll. Das ist genau das gleiche Problem wie beim Humboldt-Forum in Berlin.

Sie selbst haben als Künstler begonnen. Was hat Sie dazu bewogen, die Seiten zu wechseln?

Schafhausen: Ich sehe das nicht unbedingt als Seitenwechseln an. In meinem Fall war das ein ganz natürlicher Prozess, wenn man so will. Ich hatte eine sehr frühe Karriere oder Sichtbarkeit als Künstler und in der Zeit Freundschaften mit anderen Künstlern geschlossen, die ich dann angefangen habe, auszustellen. Das hat sich einfach so entwickelt. Ich habe dann die ersten Ausstellungen z. B. mit Olafur Eliasson, Kai Althoff oder Carsten Höller gemacht, das sind heute alles sehr bekannte Künstler, Künstler aus meiner Generation.

Das Gespräch führte Ivona Jelcic