Innsbrucker Forscher: Edelweiß tut dem Herzen gut
Forscher von den Innsbrucker Universitäten haben die Alpenblume und dabei Leoligin entdeckt. Der Edelweiß-Wirkstoff ist vielversprechend bei der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Von Theresa Mair
Innsbruck – Die Touristen stecken es sich an den Hut, die Amerikaner besingen es frei nach dem Film „Sound of Music“ und in der Mongolei füllt man Kissen damit: das Edelweiß. Wissenschafter der Medizinischen Universität und der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck hingegen untersuchen es. Denn das Edelweiß ist nicht nur eine emblematische Alpen-Ikone sondern auch eine bedeutende Heilpflanze, die vielfach eingesetzt wird.
„Vor zehn Jahren ist ein Innsbrucker auf mich zugekommen, der in seinem Garten zu Zierzwecken Edelweiße gezüchtet hat. Er hatte einen Überschuss und fragte, ob die Pflanze nicht auch für die Forschung interessant wäre“, erzählt Hermann Stuppner, der Abteilung für Pharmakognosie des Instituts für Pharmazie.
Die Forscher analysierten das Inhaltsstoffmuster, bald darauf bezogen sie eine große Menge von kultivierten, genetisch einheitlichen Edelweißen aus dem Schweizer Kanton Wallis und machten in den Wurzeln eine – vielleicht bahnbrechende – Entdeckung. Sie identifizierten Leoligin, einen Pflanzenwirkstoff, der bisher nur bei dieser Pflanze entdeckt worden ist.
In einem gemeinsamen Projekt mit David Bernhard, dem Leiter des Herzchirurgischen Forschungslabors an der Medizin-Uni, ist es gelungen, diese Verbindung aus den Edelweiß-Wurzeln zu extrahieren. „Uns interessiert, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen entstehen – ausgehend vom Körper selber und von Umweltschadstoffen. Dabei gehen wir auch therapeutisch vor, suchen und testen Extrakte von Pflanzen aus der Naturmedizin, wie Enzian, Schnittlauch oder eben Edelweiß“, sagt Bernhard.
In Zellkulturen aus menschlichen Gefäßen und Gewebe sowie am Tiermodell konnte Bernhards Team nun belegen, dass Leoligin imstande ist, nach einer Bypass-Operation die erneute Verdickung der Gefäßwände, die zum Wiederverschluss führt, zu bremsen und somit ihre Haltbarkeit zu verlängern.
„Auf zellulärer Ebene haben wir entdeckt, dass Leoligin das Wachstum der glatten Muskelzellen bremst, was positiv ist. Gleichzeitig hemmt es aber die Zellteilung von Endothelzellen – das ist nicht optimal“, schildert Bernhard. Endothelzellen kleiden die Gefäßwände innen aus. Ein Netzwerkprojekt entstand, wobei es Wissenschafter von der TU Wien schafften, Leoligin zu synthetisieren, d. h. künstlich herzustellen.
Einerseits, weil aus den feinen Edelweißwurzeln selbst zu wenig wirksames Leoligin geschöpft werden kann. „Um ein Gramm Leoligin zu erhalten, braucht man zehn Kilogramm Wurzeln“, sagt der Pharmakognost Stuppner.Andererseits, um so genannte Derivate – Ableitungen von der Grundsubstanz – zu produzieren.
Mittlerweile gibt es laut Stuppner 100 verschiedene Derivate. „Dabei ist es gelungen, die hemmende Wirkung auf die Endothelzellen zu stoppen“, so Bernhard. Doch das ist noch nicht alles: „Zuletzt haben wir erkannt, dass das Derivat Methoxy-Leoligin, wenn es nach einem Herzinfarkt in den Herzmuskel injiziert wird – z. B. über einen Katheter im Rahmen der akuten Infarkt-Behandlung – das Absterben von Herzmuskelzellen hemmt. Ebenso wurde eine Verkleinerung der Herzinfarktnarbe beobachtet und die Herzleistung konnte besser erhalten werden. Die zweite Veröffentlichung zum Thema Edelweiß und Herzinfarkt wird noch dieses Jahr erscheinen“, erklärt der Herzforscher. Zudem senke Leoligin den Fetttransportstoff LDL sowie den Blutzuckerspiegel.
Bernhard gibt zu bedenken, dass schon seit langer Zeit kein Wirkstoff zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickelt worden ist. „Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind ganz viele individuelle Faktoren beteiligt. Wir haben die Vorgänge noch viel weniger verstanden als bei Krebs, wo es möglich ist, eine gezielte personalisierte Therapie zu machen. Beim Leoligin schaut es bisher super aus.“
Bis der Edelweiß-Wirkstoff aber in Patientenstudien getestet werden kann, ist es noch ein weiter Weg. Der nächste Schritt wäre die Erstellung einer umfangreichen Toxikologie, die von einem unabhängigen Forschungslabor zertifiziert werden muss. „Bisher haben wir keine toxischen Wirkungen von Leoligin entdeckt“, sagt Bernhard.
Die Kosten, die er für eine kleine Studie mit etwa einer Million Euro beziffert, seien aber noch eine große Hürde im Fortkommen. Doch wenn ein Geldgeber gefunden wird, könnte das Edelweiß bald noch viel mehr sein als ein Ansteck-Blümlein.