Das perfekte Chaos: Schostakowitschs „Nase“ in der Wiener Kammeroper

Wien (APA) - Wenn einem das beste Stück abhandenkommt, ist für den Mann von Welt guter Rat teuer. So geht es auch dem Protagonisten von Dimi...

Wien (APA) - Wenn einem das beste Stück abhandenkommt, ist für den Mann von Welt guter Rat teuer. So geht es auch dem Protagonisten von Dimitri Schostakowitschs „Die Nase“, der eines Tages in seinem Gesicht nur eine glatte Fläche entdeckt. Dass dies Amüsantes wie Abgründiges gleichermaßen zur Folge haben kann, davon konnte man sich am Dienstagabend in der Wiener Kammeroper überzeugen.

Die Neue Oper Wien hat für ihren Saisonauftakt im wahrsten Sinne des Wortes einen guten Riecher bewiesen: Schostakowitschs erste Oper, basierend auf der gleichnamigen Erzählung von Nikolai Gogol, bringt das Kunststück zuwege, sich zugleich fordernd wie leichtfüßig zu präsentieren. Dem Beamten Platon Kusmitsch Kowaljoff (Marco Di Sapia) bei der Jagd nach seiner Nase im strengen St. Petersburg zu folgen, bedeutet dabei auch einen Blick hinter die Fassaden dieser Gesellschaft zu werfen. Konventionen werden bloßgestellt, und doch scheint am Ende dieser absurden Geschichte niemand etwas gelernt zu haben.

Matthias Oldag zieht in seiner Inszenierung zusätzlich eine zweite Deutungsebene ein, versieht gerade Wachtmeister und Polizisten mit militärischem Eifer und Antlitz, während die Bühne von einem Zeitungsartikel über das Verhältnis von Russlands Präsident Putin zum Westen dominiert wird. Immer wieder fühlt man sich in ein totalitäres Regime versetzt, wenn Kowaljoff etwa in der Anzeigenabteilung der örtlichen Zeitung den gleichförmigen Angestellten sein Leid klagt und nur auf Unverständnis und Hohn stößt.

Dies wird nicht zuletzt durch den Auftritt der Nase selbst konterkariert: Überdimensional und in goldener Ausführung, sorgt sie für Verwunderung bei den Menschen, die sich zunächst auf Distanz halten - handle es sich doch offensichtlich um „einen Staatsrat“, wie auch Kowaljoff selbst zugeben muss. Sukzessive kippt aber die Stimmung und werden Versuche unternommen, den Fremden zu stellen. Die Neugier nimmt überhand und das Chaos in der Stadt ist perfekt.

Seinen Ausdruck findet dieser Zustand durch etliche Sequenzen, die dem eigentlichen Libretto scheinbar entgegenwirken. Dankbarkeit angesichts der wiedergefundenen Nase kann da schon mal in Gewalt umschlagen, wenn der stimmlich wie darstellerisch hervorragende Di Sapia in einem Tutu gekleidet den Wachtmeister (solide: Pablo Cameselle) attackiert. Von kühler Eleganz zeigt sich wiederum Georg Klimbacher, der etwa als Arzt dem geruchsbefreiten Patienten wenig Hoffnungen macht.

Die Gegensätzlichkeit zwischen Verzweiflung und Resignation bringt das amadeus ensemble wien unter Walter Kobera gekonnt zum Ausdruck: Pulsierende Perkussion wechselt sich mit ebenso nuancierten wie atmosphärischen Passagen, die den Fokus auf das Geschehen auf der Bühne lenken. Denn es ist nicht zuletzt die darstellerische Leistung des gesamten Ensembles, die für einen gelungenen Abend sorgt. Langer Applaus für alle Beteiligten.

(S E R V I C E - Dimitri Schostakowitsch: „Die Nase“, eine Koproduktion der Neuen Oper Wien mit dem CAFe Budapest Festival und Müpa Budapest. Musikalische Leitung: Walter Kobera, Inszenierung: Matthias Oldag, Bühne- und Kostümbild: Frank Fellmann, Lichtdesign: Norbert Chmel. Mit Marco Di Sapia (Platon Kusmitsch Kowaljoff), Igor Bakan (Iwan Jakowlewitsch), Alexander Kaimbacher (Die Nase), Pablo Cameselle (Wachtmeister), Georg Klimbacher (Arzt) u. a.; Wiener Kammerchor und das amadeus ensemble wien. Kammeroper, Fleischmarkt 24, 1010 Wien. Weitere Vorstellungen am 26., 28., 30. September und 1. Oktober. www.neueoperwien.at)

(B I L D A V I S O - Pressebilder stehen unter http://www.neueoperwien.at/presse zum Download bereit.)