Heiligsprechung einer Reizfigur

Sacramento (Kalifornien) (APA/AFP) - Die Heiligsprechung des Franziskanermönchs Junipero Serra, die Papst Franziskus am Mittwoch in Washingt...

Sacramento (Kalifornien) (APA/AFP) - Die Heiligsprechung des Franziskanermönchs Junipero Serra, die Papst Franziskus am Mittwoch in Washington vornehmen will, ist hoch umstritten. Vor allem für die indianische US-Bevölkerung bedeutet diese Ehrung eine Provokation.

Erst kürzlich forderten in einer Online-Petition mehr als 10.600 Menschen den Papst auf, von der Heiligsprechung abzusehen: Denn der Missionar stehe für die „Ausbeutung, Unterdrückung, Versklavung und den Genozid an tausenden indigenen Kaliforniern“.

Der Franziskanermönch Serra brachte im 18. Jahrhundert den Katholizismus nach Kalifornien und gründete dort die ersten christlichen Missionen. Er wurde in Mallorca geboren und ging später nach Mexiko und schließlich nach Kalifornien. Im Jahr 1769 gründete er in San Diego die erste von insgesamt neun Missionen, um die Indianer zum Katholizismus zu bekehren. Serra starb 1784 mit 70 Jahren in Kalifornien. Papst Johannes Paul II. sprach ihn 1988 selig.

Mitte Jänner dieses Jahres kündigte Franziskus an, den „großen Verkünder des Evangeliums“ während seiner USA-Reise heilig zu sprechen. Der Sprecher des Volks der Kizh Gabrieleno im Großraum Los Angeles reagierte empört: „Wir wehren uns entschieden dagegen, dass der Mörder unseres Volks und unserer Kultur in den Heiligenstand erhoben wird“, sagte Toypurina Carac. „Es überrascht uns sehr, dass ein moderner, fortschrittlicher Papst wie Franziskus so etwas vorantreibt.“

Der Erzbischof von Los Angeles, Jose Gomez, verteidigte die Pläne des Papstes als „Geschenk für Kalifornien und Amerika“. Zwar räumte er ein, dass die Heiligsprechung vergangenes Unrecht während der Missionierung und Kolonialherrschaft ins Gedächtnis rufe. Gleichzeitig verwies er aber auf die Erklärung von Papst Johannes Paul II., der die amerikanischen Indianervölker 1992 um Entschuldigung bat für das Leid, das ihnen angetan wurde.

Nach Einschätzung des Historikers Steven Hackel war Serra bereits zu Lebzeiten „eine umstrittene Figur“. Er sei jähzornig und stur gewesen. Für die Ureinwohner habe das Leben in den Missionen einen Verlust ihrer Freiheit bedeutet. Die Indianer seien gezwungen worden, eine fremde Sprache zu lernen, viele seien zwangsverheiratet worden. Viele Ureinwohner seien den von den Europäern eingeschleppten Krankheiten wie Masern und Pocken zum Opfer gefallen.

Die katholischen Missionen seien wahre „Todeslager“ gewesen, urteilte der Autor Elías Castillo, der ein Buch über die Versklavung der Indianer in Kalifornien geschrieben hat. Zehntausende seien gestorben. Es sei Serra gewesen, der entschieden habe, die Indianer „zu versklaven“.

Serra-Biograf Gregory Orfalea beurteilt das Vermächtnis des Geistlichen positiver. Der Pater habe die Indianer oft gegenüber den Behörden der spanischen Kolonialmacht verteidigt. Der dramatische Rückgang der indianischen Bevölkerung in Kalifornien sei erst Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgt, als viele von ihnen während des Goldrauschs von weißen Siedlern getötet wurden.