Reale Szenen gegen das Tabu
Kinder und Jugendliche in der Psychiatrie? Darüber wird nicht gesprochen. Der Film „Wie die anderen“ will diffuse Ängste abbauen, was laut Innsbrucker Experten gelingt.
Von Theresa Mair
Innsbruck –Die Augen mit Kajal umrandet, mit einem Piercing in der Nase sitzt sie im Behandlungszimmer – wie viele andere Teenager-Mädchen. Sie wirkt unsicher, verschlossen. Aber sie ist nicht wie die anderen. Ihre Arme sind mit Narben übersät. Damit sie sich nicht wieder schneidet, säuft sie sich mit Wein an, erzählt sie dem Arzt. Der handelt mit ihr. Beim nächsten Termin würde er sie sofort aufrufen, wenn sich ihre Blutwerte nicht verschlechtert haben. Sonst müsse sie warten. Schnitt.
Es ist eines von vielen Schicksalen, das sich in der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Krankenhaus Tulln abspielt. Es geht u.a. um den Verdacht auf sexuelle Misshandlung, Suizidalität und Autismus. Der Wiener Filmemacher Constantin Wulff hat mitgefilmt. Mit den Vorarbeiten dauerte das Projekt drei Jahre lang. Daraus ist „Wie die anderen“ entstanden. Ein Film, der aufrüttelt, aber nicht anrührend ist – ohne Interviews, ohne Moderation, ohne Soundtrack. Die Stimme gehört den Patienten und ihren Betreuern. Gestern hatte der Film seine Innsbruck-Premiere im Leokino.
„Ich möchte dem, was oft mit so diffusen Ängsten verbunden ist, ganz realistische Bilder gegenüberstellen“, erzählt Wulff von seinem Antrieb. Trotzdem: Kinder und Jugendliche abzubilden ist ein Wagnis, noch dazu, wenn sie sich in einer Ausnahmesituation befinden. „Es gibt eine Fundamentalhaltung, die sagt, dass man nichts aus einer Psychiatrie zeigen darf. Wer das vertritt, muss sich auch vorhalten lassen, dass es anscheinend viel zu verbergen gibt. Juristisch ist der Film von Anfang an begleitet. Es ist möglich, solche Filme zu machen, wenn man behutsam und umsichtig verfährt. Ich denke, das beste Mittel zur Enstigmatisierung ist, die Wirklichkeit zu zeigen“, sagt Wulff.
Zur Wirklichkeit gehören auch weniger schöne Seiten. So verfolgen die Zuschauer mit, als entschieden wird, dass eine Jugendliche fixiert werden muss. „In gewissen Fällen muss eine Institution die Betroffenen vor sich selber schützen. Es wird aber sehr deutlich, dass es allen Beteiligten unangenehm ist. Ich glaube, dieses Klischee, dass Macht und Gewalt von einer Institution gern ausgeübt werden, wird unterlaufen.“
Bisher hätte er nur ermutigendes Echo erhalten. Die Eltern der abgebildeten Kinder und die Jugendlichen hätten sich dafür entschieden, in einer Gesellschaft leben zu wollen, in der es egal ist, ob man in der Psychiatrie war oder nicht. „Da ist etwas Kämpferisches, das ich sehr bewundere.“
Bewundernswert findet auch Kathrin Sevecke, Direktorin der Uni-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Innsbruck, die „Offenheit und Transparenz“ der Mitwirkenden. „Der Film hat es geschafft, seelisches Leid abzubilden. Bisher gibt es wenig reales Wissen über unsere Arbeit.“ Internetbasierte und substanzabhängige Suchterkrankungen sowie Essstörungen nehmen ihr zufolge zu – ein weiterer Grund, die Psychiatrie zu thematisieren.
Markus Assmann, leitender Stationspfleger an der Innsbrucker Kinderpsychiatrie, lernte die Abteilung in Tulln bereits kennen: „Man sieht im Film gut, dass das ganze Team auf Augenhöhe miteinander kommuniziert, das Umfeld der Kinder wird immer miteinbezogen.“ Ihm fehlt aber die Leichtigkeit: „Das Erdrückende ist ein Aspekt von Alltag. Es gibt so schwere Fälle. Manche Aspekte bleiben aber ausgespart. Viele Kinder bringen aber Lebendiges und Lustiges auf die Stationen“, sagt er.
Im Unterschied zu Tulln gibt es an der Innsbrucker Station mit 22 Betten keine Möglichkeit zur Fixierung. „Die Zwangsunterbringung kann aus baulichen Gründen aktuell nicht bei uns stattfinden“, sagt Sevecke. „Wie die anderen“ gibt Antworten und wirft Fragen auf. „Es ist ein Film, der eine begleitende Diskussion braucht, damit er entstigmatisierend sein kann“, sagt Sevecke.