Zwischen wilder Jagd und stiller Einkehr: „Ganymed Dreaming“ im KHM
Wien (APA) - Correggios „Entführung des Ganymed“ bleibt diesmal links liegen. Bei der Premiere von „Ganymed Dreaming“ zogen am Mittwoch Hund...
Wien (APA) - Correggios „Entführung des Ganymed“ bleibt diesmal links liegen. Bei der Premiere von „Ganymed Dreaming“ zogen am Mittwoch Hundertschaften an Kunst-, Literatur- und Theaterbegeisterten durch die Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums Wien und versammelten sich vor Bildern von Velazquez, Vermeer oder Veronese. Sie verbrachten zwar keine „Nacht im Museum“, aber einen ungewöhnlichen Abend.
Nach „Ganymed Boarding“ (2010/11) und „Ganymed Goes Europe“ (2013/14) hat die Gruppe „wenn es soweit ist“ rund um Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf die dritte Auflage ihrer erfolgreichen Museums-Bespielung von der Literatur mehr in Richtung Musik und Tanz getrieben. Das schafft zwar neue Höhepunkte, wenn etwa das Bläserensemble Federspiel vor einem Cranach-Gemälde zur Hirschjagd bläst oder der pianistische Tausendsassa Marino Formenti in einem Eck-Kabinett Zuschauer rund um sein Klavier auf Matratzen zum liegenden Zuhören einlädt, bringt aber auch mitunter störende Interferenzen mit sich.
Wenn nämlich gerade Star-Sopranistin Angelika Kirchschlager vor einem dem russischen Präsidenten aus dem Gesicht geschnittenen „Weiblichen Bildnis“ von Adriaen Thomas Key einen Sehnsuchtsgesang Putins (Libretto von Martin Pollack, Musik von Johanna Doderer) nicht nur mit Verve interpretiert, sondern auch einen gewaltigen chinesischen Gong schlägt, dann hat es die Schauspielerin Dorka Gryllus nebenan nicht gerade leicht, die Aufmerksamkeit des Publikums für einen von Martin Crimp zu Vermeers „Malkunst“ geschriebenen Monolog zu erlangen. Auch die Selbstdisziplin der sich frei zwischen den 13 Stationen bewegenden Zuschauer ist gefordert - die Parkettböden knarren wie eh und je.
Die Bandbreite des von Jacqueline Kornmüller inszenierten Abends ist diesmal deutlich höher als bei den Vorgängerproduktionen. Burgschauspielerin Sylvie Rohrer windet sich auf einem Fensterbrett zu einem Text von Franz Schuh in einem Ganzkörper-Strumpf, die Strottern versuchen sich an der musikalisch-spielerischen Überwindung von Abgründen, die junge Tänzerin Maria Teresa Tanzarella sucht in Rezitation und Bewegung Parallelen zwischen sich und der Renaissance-Malerin Sofonisba Anguissola, Emmanuel Obeya, Sänger der Band Sofa Surfers, singt „I am a refugee / with no identity“ zu begleitenden Bewegungen der Tänzerin Esther Balfe.
Mitunter errät man nicht leicht, welches Gemälde Vorbild für die jeweilige Darbietung ist - was an der verbesserungswürdigen Hervorhebung der Bilder, mitunter aber auch an den Texten selbst liegt. Nicht immer liegen die Bezüge so offen wie bei dem weißrussischen Autor Viktor Martinowitsch und seinen Überlegungen zu „Alter Mann im Fenster“ von Samuel van Hoogstraten oder dem originellen Mailwechsel des Matthäus, den Ilija Trojanow zu Jacopo Bassanos „Anbetung der Könige“ ersonnen hat. Der Kunsthistoriker Daniel Uchtmann hat sich sogar Gedanken über ein nicht vorhandenes Bild gemacht. Wie er sich das verschollene Frühlingsbild aus dem Jahreszeitenzyklus von Pieter Bruegel dem Älteren ausgemalt, wird von dem Blinden David Djuric fesselnd vorgetragen.
Am Ende sind auch diesmal drei Stunden fast zu kurz gewesen und hätte man sich gewünscht, die eine oder andere Station ein zweites oder gar drittes Mal sehen zu können. Wenigstens ein zweiter Besuch in Marino Formentis kontemplativer Klavier-Kammer ist sich ausgegangen. Am Boden ausgestreckt konnte man sich ganz entspannt dem Kunst- und Musikgenuss hingeben. Vielleicht liegt ja die Zukunft des Erfolgsprojekts im Musikalischen: „Ganymed Listening“.
Von „Ganymed Dreaming“ sind jedenfalls bis Mitte Dezember weitere elf Vorstellungen angesetzt. Zu den ausgewählten Gemälden werden auch kunsthistorische Kurzführungen angeboten.
(S E R V I C E - „Ganymed Dreaming“ im KHM, Premiere: 23.9., Weitere Vorstellungen am 30.9., 10., 21., 28.10., 4., 11., 18., 28.11., 2., 9. und 16.12., jeweils 19 bis 22 Uhr, ; Karten: www.khm.at/ganymed, www.wennessoweitist.com; www.ganymedgoeseurope.com)
(B I L D A V I S O - Pressebilder stehen unter http://press.khm.at zum Download bereit.)