Wo sind in Ungarn die Flüchtlinge geblieben?
Budapest (APA/dpa) - Noch vor eineinhalb Wochen war der Budapester Ostbahnhof ein Brennpunkt der europäischen Flüchtlingskrise. Tausende ges...
Budapest (APA/dpa) - Noch vor eineinhalb Wochen war der Budapester Ostbahnhof ein Brennpunkt der europäischen Flüchtlingskrise. Tausende gestrandete Menschen schliefen in Mini-Zelten oder auf Pappkartons in den Hallen und Gängen der Unterführung. Die Bilder aus Budapest trugen mit dazu bei, dass die deutsche Kanzlerin Angela Merkel am 31. August ihr inzwischen umstrittenes „Willkommen“ für alle Bürgerkriegsflüchtlinge aussprach.
Jetzt herrscht hier wieder Alltag. Pendler eilen von der U-Bahn in die Bahnhofshalle. Ein paar Rucksack-Touristen suchen den internationalen Fahrkartenschalter. Eine Obdachlose sitzt auf einer Stiege und bettelt um Almosen. Fast nichts deutet auf die Dramen hin, die sich hier noch vor kurzem abgespielt haben. Das grüne Schild der Hilfsorganisation Migration Aid prangt noch in der Unterführung. In den Krisentagen hatten hier Freiwillige Wasser und Lebensmittel, Decken und Kleidung an Flüchtlinge ausgegeben - oft bis zur totalen Erschöpfung. Nun sind die Aktivisten dabei, die Räumlichkeit, die ihnen als Lager diente, zu leeren und aufzuräumen.
„Der Staat nimmt sich zurück, was ihm gehört“, sagt „Baba“, ein groß gewachsener, fülliger Mittdreißiger mit auffälligen Tätowierungen und vielen Ringen an den Fingern. In der Zeit der Krise war „Baba“, der selbst aus Ägypten stammt, mit seinem schrägen Erscheinungsbild, seiner Gutmütigkeit und seinen Arabisch-Kenntnissen ein Liebling der Flüchtlinge. „Wir machen weiter. Nicht hier, sondern dort, wo es immer noch viel zu tun gibt“, sagt er.
Doch wo sind die Flüchtlinge geblieben? Am 15. September riegelte die rechtskonservative Regierung von Ministerpräsident Viktor Orban die Grenze zu Serbien für Migranten ab - mit einem 175 Kilometer langen Zaun und zwei sogenannten „Durchlasspunkten“ für Asylbewerber, an denen praktisch niemand Asyl bekommen kann. Das Überwinden des Zauns ist eine Straftat, die mit Gefängnis bestraft werden kann und in der Praxis mit Landesverweis geahndet wird.
Seitdem wenden sich die Flüchtlinge auf der sogenannten Balkan-Route von Serbien nach Kroatien. Letzteres Land will sie möglichst schnell loswerden und bringt sie mit Bussen zur ungarischen Grenze, zu den Grenzübergängen Beremend, Barcs und Letenye. Die ungarischen Behörden übernehmen die Flüchtlinge und transportieren sie ihrerseits mit Bussen und Zügen zur österreichischen Grenze - mehrere tausend am Tag.
„Oft müssen sie halbe Tage lang in den Grenzstationen im Zug oder Bus auf die Abfahrt warten“, sagt „Baba“. „Wir müssen sie jetzt dort mit Wasser und Lebensmitteln versorgen.“ Die Flüchtlinge sind also nicht aus Ungarn verschwunden, sie sind bloß kaum mehr sichtbar. Regierungschef Orban erklärte am Mittwoch als Ehrengast bei der CSU-Herbstklausur im Kloster Banz vollmundig: „Die Südgrenzen Bayerns werden heute von Ungarn beschützt.“ Doch in Deutschland kommen über das Transitland Ungarn derzeit sogar noch mehr Flüchtlinge an als vor der Schließung der ungarisch-serbischen Grenze, die in den internationalen Medien hohe Wogen schlug.
Inzwischen sind Stimmen vernehmbar, die mutmaßen, dass das Chaos auf dem Budapester Ostbahnhof möglicherweise gewollt war. Tatsächlich prahlte der Regierungschef letzte Woche auf der Klausur seiner Fidesz-Parteifraktion im Badeort Velence bei Budapest damit, wie vorbildlich die Regierung die Flüchtlingskrise gemanagt hätte.
Im engeren Kreis soll Orban sogar noch weiter gegangen sein, schrieb das Internet-Portal „vs.hu“ unter Berufung auf einen namentlich nicht genannten Teilnehmer. „Er sprach es nicht offen aus, aber zwischen den Zeilen war herauszuhören, dass die Regierung ab Mitte August in das Chaos am Ostbahnhof und an anderen Brennpunkten bewusst nicht eingriff und die Lage eskalieren ließ, damit die Menschen auf der eigenen Haut spüren würden, wie groß das Problem ist, vor dem sie die Regierung schützt“, zitierte das Portal den Insider.
Doch der diskrete Flüchtlingsdurchschub von der kroatischen zur österreichischen Grenze dürfte nicht von Dauer sein. Der neue Zaun an der kroatischen Grenze soll in den nächsten Tagen fertig werden. Am Mittwoch kündigte Orban an, dass man dann auch diese Grenze für Flüchtlinge abriegeln werde. Diese werden sich dann wohl einen anderen Weg in den Westen suchen. Entweder über Kroatien und Slowenien oder über Rumänien - und dann erneut über Ungarn.