Franziskus in den USA: Ein Papst der Armen im Land des Kapitals

Vatikanstadt (APA/dpa) - Wenn in Washington der Papst ans Rednerpult tritt, lauschen Abertausende. Denn nicht vom Altar, sondern im US-Kongr...

Vatikanstadt (APA/dpa) - Wenn in Washington der Papst ans Rednerpult tritt, lauschen Abertausende. Denn nicht vom Altar, sondern im US-Kongress ergreift Franziskus das Wort. Einige Abgeordnete sind vergrätzt - doch der Katholik überstrahlt parteipolitische Reibereien.

Für einen Tag soll Ruhe herrschen. Ruhe im von Dauer-Zank geplagten US-Kongress, Ruhe im verbissenen Hickhack zwischen Republikanern und Demokraten, Ruhe vor dem aufziehenden Sturm im Gezerre um die Staatsfinanzen und einer möglicherweise gar drohenden Stilllegung der Regierung. Papst Franziskus ist da, der Stellvertreter Jesu Christi auf Erden, und er will eine Rede halten.

Zehn Monate hatte der Vatikan sich Zeit gelassen, um die Einladung von Parlamentspräsident John Boehner anzunehmen. Dass der Papst nun tatsächlich vor den versammelten Kongress in Washington tritt, ist nicht weniger als eine kleine Sensation. In den USA, wo Kirche und Staat streng getrennt sind und Katholiken teils gar als Bedrohung galten, wäre eine solche Rede vor 40 Jahren wohl undenkbar gewesen.

Die allererste Rede eines Kirchenführers vor dem US-Kongress ist ein historisches Ereignis, das ist auch dem Vatikan bewusst. Der Papst werde auch wegen der „Außergewöhnlichkeit“ des Ereignisses eine sehr lange Ansprache halten, erklärt Vatikan-Sprecher Federico Lombardi. Für den Papst sei es eine einmalige Chance, sich nicht nur an die Katholiken in den USA, sondern an das gesamte Volk zu wenden.

Die Tradition der Reden von Päpsten vor Parlamenten ist überschaubar: Johannes Paul II. sprach sowohl in Warschau als auch in Rom, sein Nachfolger Papst Benedikt XVI. sprach ebenfalls vor dem italienischen Parlament und in seiner Heimat Deutschland, wurde dort allerdings mit distanzierter Kälte empfangen. Franziskus durfte im November bereits eine Rede vor dem Europaparlament in Straßburg halten. Diese nutzte er auch zu einem flammenden Appell an Europa in der Flüchtlingskrise.

Reizthemen liegen während Franziskus‘ erster USA-Reise genügend in der Luft. Während die Republikaner mittlerweile in beiden Parlamentskammern das Zepter schwingen und sich bei Präsident Barack Obamas Klimaschutz-Agenda immer wieder querstellen, sieht der 78-jährige Argentinier den Kampf gegen die Erderwärmung als eine der dringlichsten Aufgaben dieser Zeit. Heiße Wahlkampfthemen wie Einwanderung kommen hinzu, von der tiefen Spaltung der US-Gesellschaft bei Themen wie Abtreibung, Familienplanung und der Ehe Homosexueller ganz zu schweigen.

Und überhaupt scheint der als „Papst der Armen“ gefeierte Franziskus ideologisch in der weltgrößten Volkswirtschaft etwas fehl am Platz. Vom „hemmungslosen Streben nach Geld, das regiert“, hatte er im Juli in Bolivien gesprochen. Davon, dass „Geld regiert, anstatt zu dienen“, dass „diese Wirtschaft tötet“, dass sie ausschließt und „Mutter Erde“ zerstört. Auch die in den USA allgegenwärtigen „Medien und die digitale Welt“ griff Franziskus in einer Enzyklika bereits an, da diese im Überfluss „tiefgründiges Denken“ verhinderten.

Franziskus ist ein politischer Papst, der sich in aktuelle Themen, Krisen und Konflikte einmischt, sich häufig zu Wort meldet und auch umstrittene Fragen offen anspricht. Und davon gibt es in den USA reichlich. Der Papst selbst bezeichnete es als Ehre, vor dem Kongress sprechen zu dürfen. Vorab hatte er angekündigt, „Worte der Ermutigung“ an das Plenum richten zu wollen. Statt die USA offen an den Pranger zu stellen, dürfte seine Kritik eher milde daherkommen und nur zwischen den Zeilen mitschwingen.

Gleich mehrere Präsidentschaftsbewerber sind bekennende Katholiken, und auch Parlamentspräsident Boehner und die Minderheitsführerin im Abgeordnetenhaus, Nancy Pelosi, sind katholischen Glaubens. Eine Art Outsider sei der Papst in Washington dennoch, meint John Carr, Direktor der Initiative für katholischen Sozialglauben an der Georgetown University. Die Menschen in Washington hielten die US-Hauptstadt für den Nabel der Welt. „Wir sind nicht im Zentrum von Papst Franziskus‘ Welt. Er fühlt sich in den Slums von Argentinien ehrlich gesagt wohler als in den Korridoren der Macht.“

Der Papst erreicht Umfragewerte, von denen die meisten Abgeordneten und Senatoren nur träumen können. Ihren Zoff werden sie nach Abreise der päpstlichen Entourage schnell fortsetzen. An der Strahlkraft des Pontifex werden sie aber selbst nach einer kritischen Rede nicht rütteln wollen. Dieser habe keine Angst, seine Meinung zu sagen, meinte Boehner im Juli beeindruckt. „Und eins kann ich Ihnen sagen: Ich bin nicht kurz davor, mich mit dem Papst anzulegen.“