Literatur

Die späte Rückkehr zur Familie

© Peter-Andreas Hassiepen

Auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis: Rolf Lapperts melancholischer Selbstfindungsroman „Über den Winter“.

Von Friederike Gösweiner

Innsbruck –Es beginnt beinahe gespenstisch: Lennard Salm, 49, ein durchaus erfolgreicher Künstler, hat sich in eine italienische Ferienwohnungskolonie zurückgezogen, die kaum mehr bewohnt ist, weil die verarmten Anwohner der Region die Anlage nachts mit Steinen bewerfen. Und auch das Meer lädt nicht mehr zum Schwimmen ein: Täglich schwemmt die Flut Habseligkeiten an, die afrikanische Flüchtlinge auf dem Weg der Hoffnung in ein besseres Leben verloren haben– und manchmal auch einen toten Menschen.

Der Fund einer Babyleiche ist es, der Salms Stimmung in Rolf Lapperts siebtem Roman „Über den Winter“ endgültig kippen lässt: Im Grunde hat er keine Lust mehr, Künstler zu sein, und angesichts der globalen Krise, die ihn selbst in der abgeschiedenen Ferienhütte seines Managers und Mäzens Johannes Wieland einholt, fühlt er sich auch gar nicht mehr in der Lage dazu, auf derartig verheerende politische Zustände mit einem Kunstwerk zu antworten. Wenig später wird er völlig unvermittelt auch noch mit dem Tod eines nahestehenden Menschen konfrontiert: Salms ältere Schwester Helene ist verstorben. Damit ist der Lebensblues perfekt, Salm packt seine Koffer und kehrt anstatt in sein New Yorker Atelier und damit in sein altes Leben nach Hamburg zurück, wo sein altersschwacher Vater mit einer polnischen Pflegerin lebt, seine jüngere Schwester Bille und auch Freund Wieland. Geht Salm anfangs noch auf Distanz zur lieben Familie, der er doch immer hatte entkommen wollen, entdeckt er schon bald, dass es durchaus schön sein kann, gebraucht zu werden, auch geliebt zu werden, einfach, weil man nun mal der ältere Bruder ist oder der Sohn…

Von der düsteren, bedrohlichen Atmosphäre des ersten italienischen Kapitels ist in allen übrigen nichts mehr zu spüren. Hamburg im Winter ist zwar bitterkalt, und diese Kälte meint man während der Lektüre auch tatsächlich physisch zu spüren, aber bedrohlich ist sie nicht. Zu innig gestaltet sich die Rückkehr des weltenbummelnden Künstlersohnes in den Schoß der Familie, zu leicht der Rückzug des erwachsenen Mannes in der Midlife-Crisis in sein Kinderzimmer. Auch der plötzliche Einschub über Salms Kindheit in der Mitte des Romans wirkt wie ein Fremdkörper in der übrigen Erzählung. Überragend komponiert ist „Über den Winter“ vielleicht nicht, dafür aber ist die große atmosphärische Dichtheit, die den Text ausmacht, Lapperts Blick fürs Detail absolut bemerkenswert. Allerdings geht das wiederum auf Kosten des Erzähltempos. Das ist in „Über den Winter“ tatsächlich „lento assai“.

Was der gebürtige Schweizer Lappert, der 2008 bereits den Schweizer Buchpreis gewann, auf den rund 400 Seiten entfaltet, ist eine etwas schaumgebremste männliche Selbstfindungsgeschichte um die Lebensmitte. Ein bisschen wirkt es so, als sei alles durch eine dicke Watteschicht hindurch erzählt, weicher, schöner, harmloser, als es sich tatsächlich anfühlen müsste. Von echter Verzweiflung spürt man nichts, der Roman wirkt erstaunlich resignativ. Vieles, was thematisch interessant zu vertiefen wäre, wird nur am Rande angerissen, drängende Fragen ergeben sich nicht aus dem Text und das Gefühl, eine tatsächliche Entwicklung mitverfolgt zu haben, hat man am Ende auch nicht.

„Über den Winter“ ist eher wie eine lange, melancholische Jazznummer – ein Stimmungsbuch für lange, dunkle Winterabende.

Roman Rolf Lappert: Über den Winter. Hanser, 384 Seiten, 23.60 Euro.