VW-Dieselskandal weitet sich aus: Auch Autos in Europa betroffen
Die VW-Abgas-Affäre weitet sich aus. Inzwischen steht fest: Auch Dieselautos in Europa wurden manipuliert. Der Umfang ist noch unklar. Der deutsche Verkehrsminister, Alexander Dobrindt, verspricht Aufklärung in den nächsten Tagen.
Wolfsburg - Das Abgas-Desaster bei Volkswagen wird immer größer: Der Konzern räumte nach den Worten des deutschen Verkehrsministers Alexander Dobrindt ein, auch in Europa bei Tests die Abgaswerte von Dieselfahrzeugen manipuliert zu haben.
„Es wurde uns mitgeteilt, dass auch in Europa Fahrzeuge mit 1,6 und 2,0-Liter Dieselmotoren betroffen sind von den in Rede stehenden Manipulationen“, sagte der CSU-Politiker am Donnerstag in Berlin.
Weitere Köpfe bei VW sollen rollen
Wegen des zuerst in den USA aufgedeckten Skandals war Konzernchef Martin Winterkorn zurückgetreten. Der für Forschung zuständige Porsche-Vorstand Wolfgang Hatz muss auch gehen, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Konzernkreisen erfuhr. Und Audi-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg muss seinen Posten räumen. Laut „Spiegel“ ebenfalls ausscheiden soll nach dem Willen der Aufsichtsräte Hackenbergs Nachfolger als Entwicklungsvorstand bei Volkswagen, Heinz-Jakob Neußer.
In Wolfsburg tagte am Donnerstag der Aufsichtsrat der Porsche AG, später sollten auch die Kontrolleure der Porsche-Dachgesellschaft Porsche SE zusammenkommen. Für Freitag ist eine Sitzung der Aufseher des Mutterkonzerns VW geplant.
Der Aufsichtsrat will darüber hinaus über einen Nachfolger für Winterkorn entscheiden. Die besten Karten hat Insidern zufolge Porsche-Chef Matthias Müller. Winterkorn hatte am Mittwoch erklärt, er übernehme die Verantwortung für die Unregelmäßigkeiten. Er tue dies im Interesse des Unternehmens, obwohl er sich keines Fehlverhaltens bewusst sei.
Dobrindt ließ offen, ob die VW-Fahrzeuge nun aus dem Verkehr gezogen werden müssten. Die genaue Zahl der betroffenen Pkw sei noch unbekannt. Zugleich kündigte der Verkehrsminister an, die angeordneten Abgas-Nachprüfungen würden auch auf andere Marken als VW ausgedehnt. Wegen eines Berichts über angeblich ebenfalls erhöhte Abgas-Werte bei Dieselfahrzeugen brach die BMW-Aktie zeitweise um mehr als neun Prozent ein. BMW erklärte dazu, bei seinen Fahrzeugen blieben alle Abgassysteme immer aktiv.
VW versuchte Manipulation zu beheben, aber verdeckt
Unterdessen wurde bekannt, dass VW bereits im April in den USA versucht hat, die Abgas-Manipulationen durch einen verdeckten Rückruf von Dieselautos zu beheben. Der Konzern forderte Halter von VW- und Audi-Fahrzeugen in einem Brief auf, ihre Autos in die Werkstätten zu bringen, um eine neue Software aufzuspielen. Diese sollte die Abgas-Emissionen optimieren und die Effizienz des Motors steigern. Ein Sprecher der kalifornischen Emissionsschutzbehörde sagte, das Schreiben sei Teil einer landesweiten Rückrufaktion von VW gewesen.
VW war bereits im Mai vergangenen Jahres von Umweltschützern und US-Behörden wegen Abweichungen bei Abgaswerten kritisiert worden. Am vergangenen Freitag hatte die US-Umweltbehörde EPA mitgeteilt, sie habe herausgefunden, dass VW in Modellen der Jahre 2009 bis 2015 eine Software zur Umgehung von Emissionskontrollsystemen verbaut habe. Das Programm erkennt, ob das Auto auf einem Teststand läuft und reguliert den Motor so, dass die Grenzwerte eingehalten werden. Im Normalbetrieb liegen die Werte jedoch bis zu 40 Mal höher als vorgegeben.
Welle von Schadenersatzklagen
VW hatte die Abgasmanipulationen in den USA daraufhin zugegeben und sich dafür entschuldigt. Für den Konzern könnte dies nach Angaben der US-Umweltbehörde EPA eine Strafe von bis zu 18 Milliarden Dollar nach sich ziehen. Bei internen Untersuchungen stellte sich zudem heraus, dass weltweit bis zu elf Millionen Fahrzeugen von Unstimmigkeiten in den Messwerten betroffen sein könnten. VW stellt für die Rückrufe rund 6,5 Milliarden Euro zurück und kündigte an, seine Gewinnziele zu kappen. Die VW-Aktie verlor massiv an Wert.
Seit Bekanntwerden des Skandals sind in den USA mindestens zwei Dutzend Klagen in sieben Bundesstaaten eingereicht worden. Die Anwälte argumentieren damit, dass VW die Kunden getäuscht habe, die mehr gezahlt hätten, um vermeintlich umweltfreundliche Autos zu fahren. Ein Anwalt will die Klagen bei einem US-Bundesgericht in Kalifornien zusammenfassen. Das Gericht von Bezirksrichter Fernando Olguin hat Erfahrung mit Klagen gegen Autobauer: Toyota erklärte sich 2012 in einem Vergleich zur Zahlung von 1,1 Mrd. Dollar (986,6 Mio. Euro) bereit, um eine Sammelklage wegen Problemen mit Fußmatten und klemmenden Gaspedalen beizulegen. Hyundai und Kia zahlten 255 Mio. Dollar, weil sie einen zu niedrigen Benzinverbrauch angegeben hatten. (Reuters, APA, dpa)