Guerillero als Friedensstifter

Bogota (APA/AFP) - In Kolumbien steht er wegen Mordes, Terrorismus, Entführung und Rebellion auf der Fahndungsliste, in den USA ist ein Kopf...

Bogota (APA/AFP) - In Kolumbien steht er wegen Mordes, Terrorismus, Entführung und Rebellion auf der Fahndungsliste, in den USA ist ein Kopfgeld von bis zu fünf Millionen Dollar für Hinweise zu seiner Ergreifung ausgeschrieben. Doch seit der Einigung von Havanna an diesem Mittwoch hat Timoleon Jimenez alias „Timochenko“ beste Chancen, als Friedensstifter in die Geschichte einzugehen.

Mit dem kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos erzielte der Kommandant der linken FARC-Guerilla eine Vereinbarung, die nach mehr als fünf Jahrzehnten den längsten bewaffneten Konflikt Lateinamerikas beenden könnte.

Im Beisein des kubanischen Staatschefs Raul Castro trafen Santos und Timochenko - der mit bürgerlichem Namen Rodrigo Londono Echeverri heißt - erstmals direkt aufeinander. Und nach nur halbstündigem Gespräch unterzeichneten sie dann eine Vereinbarung über den juristischen Umgang mit Verbrechen während des Konflikts, die als letzter der großen Bausteine für eine Friedenslösung gilt. Mit Timochenko habe er vereinbart, dass spätestens in sechs Monaten „diese Verhandlungen abgeschlossen werden und der endgültige Friedensvertrag unterzeichnet werden muss“, verkündete Santos.

Die Zeremonie in Havanna gipfelte in einem Handschlag des Präsidenten mit dem korpulenten und graubärtigen Guerillero, der damit den Rollenwandel vom Untergrundkämpfer zum Friedenspartner vollzogen hat. Aus Sicht des 56-jährigen FARC-Chefs war für den Durchbruch entscheidend, dass nicht nur Verbrechen der Guerilla, sondern „aller Akteure des Konflikts“ juristisch aufgearbeitet werden sollen, also auch der Armee und rechtsextremer Todesschwadronen.

In seiner neuen Rolle wird Timochenko nicht zuletzt auf die Beliebtheit und Glaubwürdigkeit setzen, die er in den eigenen Reihen genießt - vor allem dann, wenn er seinen Kämpfern die Abgabe der Waffen zu befehlen hat. Seine starke Stellung in der Bewegung wurzelt in seinem engen Verhältnis zu Manuel Marulanda alias „Tirofijo“ (Sicherer Schuss), dem von seinen Anhängern als Legende verehrten einstigen Anführer der FARC, der 2008 im Alter von 80 Jahren an einem Herzinfarkt starb.

Timochenko hat den größten Teil seines Lebens in der Guerilla verbracht. In den 70er Jahren engagierte er sich in einer kommunistischen Jugendbewegung, dann studierte er Medizin in der Sowjetunion und in Kuba, ohne einen Abschluss zu machen. Nach seiner Rückkehr in sein Heimatland schloss er sich der FARC an, wo er im Alter von nur 23 Jahren in die oberste Kommandoebene aufrückte.

Als sein Mentor Tirofijo starb, trat Timochenko allerdings nicht die direkte Nachfolge an. Oberkommandierender wurde er erst drei Jahre später, nachdem der zwischenzeitliche FARC-Chef Alfonso Cano bei einem Gefecht mit der Armee getötet worden war. Als neuer Chef leitete er dann innerhalb kurzer Zeit erste Schritte zur Beilegung des bewaffneten Konflikts ein. In einem Brief an Präsident Santos plädierte er für die Wiederaufnahme der zehn Jahre zuvor gescheiterten Friedensgespräche. Und kurz darauf verpflichtete er sich dazu, die Entführung von Zivilisten zu stoppen, die - neben dem Drogengeschäft - zu einer wichtigen Geldquelle der FARC geworden war. Damit war eine der zentralen Forderungen der Regierung erfüllt.

Der Verhandlungsprozess erlebte zwar in den vergangenen Jahren einige Rückschläge, und auch die Kämpfe flammten zwischenzeitlich wieder auf. Doch nach dem Handschlag von Havanna scheint der Frieden so nah wie nie. Bestehen die Vereinbarungen den Praxistest, dann kann sich Timochenko womöglich auch irgendwann einen neuen Wohnsitz suchen - bisher lebt er irgendwo „in den Bergen von Kolumbien“, wie in den vergangenen Jahren die Absendeadresse seiner Schreiben lautete.