Thomas Morgenstern: „Aufzuhören war mein größter Sieg“
Olympiasieger Thomas Morgenstern präsentierte in Wien seine Autobiografie „Über meinen Schatten, eine Reise zu mir selbst“.
Von Josef Metzger
Wien –Am 1. Dezember startet Thomas Morgenstern wieder durch. Nicht von der Schanze, sondern von einer Rampe. Und nicht im Weltcup, sondern als Helikopter-Pilot bei den World Air Games in Dubai, quasi das Olympia der Fliegerei. Das Schanzen- Trauma, begleitet von Sturzangst, hat Österreichs erfolgreichster Olympiasportler aller Zeiten mit und nach dem Rücktritt bewältigt. Als Therapie schrieb er sich alles von der Seele, was ihn nach dem Kapitalsalto am Kulm sowie vor, bei und nach den Sotschi-Spielen physisch und psychisch beschäftigt hatte. Heraus kam eine Autobiografie der anderen Art, die er gestern in der Thalia-Buchhandlung in Wien präsentierte: „Über meinen Schatten, eine Reise zu mir selbst“.
Im Blick zurück ganz ohne Zorn, aber voller Stolz sagt der inzwischen 28-jährige Kärntner aus Seeboden über den Mut zu seiner Entscheidung, die Springerkarriere zu beenden, um ein neues (Lebens-)Kapitel mit neuen Herausforderungen aufzuschlagen: „Das war mein letzter Triumph!“ Nachsatz: „Nicht sportlich, da gab’s größere. Ich wäre auch weiter beim Nationalteam gewesen. Aber menschlich und persönlich war’s sicher mein größter.“ Getreu dem Titel des Buchs, aus dem Morgenstern bei der Präsentation selbst das Kapitel vortrug, in dem er Gefühle von Angst schilderte, die er vor dem Salto am Kulm nicht gekannt hatte und derer er sich in langen Sitzungen mit Mentalbetreuerin Sandra Taschner in einem 15 Quadratmeter kleinen Zimmer („1 Tisch, 2 Sessel, 1 Couch, 1 Schrank – ich hab den Raum geistig ausgemessen, ohne über ihre Fragen nachzudenken!“) erst bewusst geworden war. „Angst ist ja etwas, über das man als Springer nie redet. Aber sie ist etwas, das jeder Mensch haben muss und auch haben darf!“
Die neue, zweite Sportkarriere als Höhen-, aber auch Tiefflieger hat ja längst vor einiger Zeit bei der heurigen Helikopter-WM mit Gold bei den „Rookies“ begonnen. „Aber Goldmedaille gab’s keine, nur einen Pokal. Dafür darf ich jetzt in Dubai gegen die Weltbesten starten!“ Einmal fliegen, immer fliegen – eine Leidenschaft, die den Kärntner nicht loslässt. Er fliegt nicht nur im Hubschrauber-Typ, den auch Tennis-Ikone Muster einst flog, er hat seit 2008 auch den Pilotenschein im Sack, will aber auch in Zukunft nur zu privaten Zwecken ins Cockpit steigen: „Aber nicht als Berufspilot!“ Und auch eine Karriere beim Air Race kommt für ihn, Sponsor hin, Flügel her, nicht in Frage. „Ich bin bei den Rotoren“, sagt der Kärntner, der nicht nur mit Ex-Chefcoach Kuttin („Er wohnt überm nächsten Hügel!“) immer noch Kontakt hat, sondern sogar mit alten Kollegen an einem Trainingskurs teilnahm. Da zieht es ihn, da sinkt er hin im übertragenen Sinn.
Was ihm im neuen Leben eben fehlen würde, das wären Kulissen wie in Bischofshofen oder Emotionen, wenn wie so oft für ihn die Bundeshymne gespielt worden war. Gänsehaut-Feeling also, das ihm aber auch als Helikopter-Pilot nicht fremd ist. „Ich krieg’ jedes Mal a Ganslhaut, wenn ich einsteig’.“ Mit „Flugangst“ aber habe das nichts zu tun. Die wäre ja mittlerweile bewältigt.
Autobiografie Thomas Morgenstern: Über meinen Schatten, eine Reise zu mir selbst. Ecowin, 192 Seiten, 19,95 Euro.