Tino Sehgal: „Meine Arbeit erfüllt keine Einrichtungsfunktion“
Krems (APA) - Der deutsch-britische Künstler Tino Sehgal nimmt heute, Donnerstag, Abend in Krems den „Globart Award“ entgegen. „Das Interess...
Krems (APA) - Der deutsch-britische Künstler Tino Sehgal nimmt heute, Donnerstag, Abend in Krems den „Globart Award“ entgegen. „Das Interessante an diesem Preis ist für mich, dass er nicht unbedingt auf die Kunst bezogen ist“, sagt Sehgal, der 2013 mit dem Goldenen Löwen der Kunstbiennale Venedig ausgezeichnet wurde und mit seiner außergewöhnlichen Kunst Museen in der ganzen Welt bespielt, im APA-Gespräch.
Die undotierte Auszeichnung, mit der die Preisträger ermutigt werden sollen, „authentisch ihren Weg zu gehen“, wird im Rahmen der „Globart Academy“ vergeben. Sie beschäftigt sich heuer im Kremser Kloster UND mit dem Thema „How far can we go? Alles ist möglich - Wie Generationen Grenzen verschieben“. „Interessant ist für mich, wie die Kunst und ich selbst anderen Gesellschaftsbereichen Impulse geben kann.
Auch die gesellschaftlichen Themen, die hier aufgebracht werden, finde ich interessanter als manche enge kunsthistorische Diskurse“, so Sehgal, der in der Preisbegründung in seiner „Suche nach Wahrhaftigkeit“ und seinem „Engagement für Nachhaltigkeit“ als „Vorbild und Hoffnungsträger der Generation Y“ bezeichnet wird. „Für mich sind die Themen der Konferenz sehr gut, den Spruch ‚How far can we go?‘ finde ich ein wenig ambivalent. Die Generation Y ist eher mit Momenten der Ankunft beschäftigt. Es geht nicht mehr um ‚Wie kann ich noch mehr Karriere machen?‘ oder ‚Wie kann ich noch mehr verdienen?‘, sondern es geht um Momente der Ruhe in einem sich immer stärker beschleunigenden gesellschaftlichen Umfeld.“
Sehgal, 1976 in London geboren und im deutschen Sindelfingen aufgewachsen, hat die Kunstwelt aufgemischt, indem er keine Bilder, Skulpturen oder Videos anfertigt, sondern gänzlich ephemere Dinge entstehen lässt - interaktive Performances, bei denen Akteure nach seiner Anleitung mit den Besuchern kommunizieren, Begegnungen mit Aufführungscharakter, Installationen mit Partizipationsangebot. Wie konkret sind seine Handlungsanleitungen? „Bei den meisten Arbeiten kann man sich das wie ein Spiel vorstellen, wie eine Spielstruktur. Auch das Fußballspiel hat ganz klare Regeln und trotzdem kommt etwa die Persönlichkeit von David Alaba schon raus. Man versteht vielleicht sogar wegen der Struktur besser, wer David Alaba ist, als wenn er einfach nur über die Straße laufen würde“, zieht Sehgal einen sportlichen Vergleich. „Es gibt also klare Regeln, aber wie man in diesen Regeln operiert, ist den Interpreten überlassen. Und dann gibt es noch die Figur des Trainers, das bin manchmal ich, manchmal jemand anderer, denn die Leute müssen natürlich proben oder trainieren, um in diesen Strukturen auch wirklich gut zu sein.“
Vom Konzept her fühlt man sich ein wenig an Erwin Wurm und seine One Minute Sculptures erinnert - keine so abwegige Assoziation, meint Sehgal. „Ich finde das schon einen interessanten Kontext - der Besucher ist ja immer schon ein Akteur, er läuft durch das Museum. Diese Aktivität stärker zu formen, ist erst einmal ein guter Impetus, und diesen dann mit einfachsten Mitteln zu komponieren finde ich sehr sympathisch. Es gibt auch ein gutes Buch über Erwin Wurm, Felix Gonzalez-Torres und meine Arbeit, es heißt ‚Kunst als Aufführungserfahrung‘.“
Einen besonderen Stellenwert erhält seine Arbeit nicht nur durch ihre Vergänglichkeit, sondern auch durch sein Verbot, diese per Katalog, Video oder Fotografie zu dokumentieren. „Ein Foto meiner Arbeit würde niemandem weiterhelfen. Da sieht man jemanden im Raum rumstehen und hat keine Ahnung, was er macht“, sagt der in Berlin lebende Künstler, der Volkswirtschaftslehre studierte und seine Kunst-Karriere im Tanz begann. Dass er selber fotografiert wird, begeistert ihn zwar nicht gerade, nimmt er aber in Kauf. Ein Phantom, ein Thomas Pynchon der Bildenden Kunst, möchte er nicht sein: „Nein, das wurde verwechselt. Für mich gibt es einen Unterschied zwischen einem Werk und dem Künstler.“
Dass er seine Arbeiten im Museumskontext statt auf der Theaterbühne aufführt, ist für Tino Sehgal logisch: „Für mich war das Museum schon wichtig, denn da laufen die Leute als Individuen rum, und man hat auch eine andere Ruhe. Da sind Momente der Interaktion möglich, ohne, dass man jemanden auf die Bühne zerrt. Im Theater gibt es dagegen immer ein kollektives Moment.“ Zudem sei das Museum „ja eine der ganz wenigen Institutionen unserer Gesellschaft, die auf Langfristigkeit ausgerichtet sind. Wenn ich eine Arbeit mache, die sich in diesem Museumskontext situiert, muss es zumindest der Anspruch sein, dass es in 10 oder 20 Jahren relevant sein könnte.“
Mechanismen des Kunstmarktes unterläuft Sehgal radikal. Doch wer seine Werke erwerben möchte, kann dies ohneweiteres machen - mit der Einschränkung, dass über die Vereinbarung, ein bestimmtes Sehgal-Werk künftig aufführen zu dürfen, keinerlei schriftliche Unterlagen verfasst werden. Welcher private Kunstsammler lässt sich darauf ein? „Das waren ganz, ganz wenige, da braucht man nicht einmal die Finger einer Hand dafür, um die letzten sieben, acht Jahre abzuzählen“, räumt der Künstler ein. „Das hat natürlich auch damit zu tun, dass bildende Kunst auch so eine Einrichtungsfunktion hat. Meine Arbeit erfüllt diese Einrichtungsfunktion nicht.“
In Museen und Ausstellungshäusern läuft es dagegen für Tino Sehgal ungleich besser. Kürzlich hatte er eine Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau. Im Stedelijk Museum in Amsterdam läuft noch bis Jahresende eine einjährige Werkschau, bei der in jedem Monat ein anderes Werk zu sehen ist. Und nach Wien bzw. Krems ist er aus Paris angereist, wo er im Herbst 2016 das gesamte Palais de Tokyo bespielen soll. Wie viele Akteure er für die tausenden Quadratmetern benötigen wird, weiß Sehgal noch nicht. Das herauszufinden sei ein längerer Prozess, meint er. Und wohl auch eine Budgetfrage.
(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - www.globart.at)