Über elf Millionen Türken sitzen in der Armutsfalle
Istanbul (APA) - Die Lebensbedingungen der Türken verschlechtern sich zunehmend. Über elf Millionen Menschen in der Türkei leben konstant in...
Istanbul (APA) - Die Lebensbedingungen der Türken verschlechtern sich zunehmend. Über elf Millionen Menschen in der Türkei leben konstant in Armut. Die Mittelklasse kämpft mit einer erdrückenden Schuldenlast.
Es sind wenig ermutigende Zahlen, die das türkische Amt für Statistik (TUIK) vor einigen Tagen vorlegte. Laut seinem Bericht über das Jahr 2014 leben in der Türkei 11,4 Millionen Menschen in ständiger Armut. Das sind rund 15 Prozent der Bevölkerung. Ihr monatliches Einkommen beträgt nicht mehr als 463 Lira (134,55 Euro). Davon können 6,5 Millionen nicht einmal 370 Lira im Monat vorweisen.
Was die Statistiker unter dem Begriff der Schlechtverdiener subsumieren, bedeutet für die einzelnen ein Monatseinkommen zwischen 120 und 154 US-Dollar (107 bis 137 Euro). Es bedeutet ein Leben von der Hand in den Mund. Vor allem Tagelöhner und Arbeiter in der Landwirtschaft sind davon betroffen. Sie versuchen sich mit Hungerlöhnen über Wasser zu halten und werden in der Regel als das klassische „Heer der Armen“ angesehen. Der Frauenanteil im Bereich der Landwirtschaft ist zudem überproportional hoch.
Die Einkommensbezieher im Bereich bis 648 Lira (rund 188 Euro) fallen aus der Armutsstatistik heraus, und dies obwohl das monatliche Mindesteinkommen in der Türkei mit knapp 1.000 Lira veranschlagt wird. Die Anzahl dieser Niedriglohnbezieher hat sich innerhalb eines Jahres um 244.000 auf 22,2 Millionen Menschen erhöht.
In den höheren Einkommensklassen greift indes die Verschuldung immer weiter um sich. Über 66 Prozent der Türken sind über Darlehen und Kreditkartenzahlungen hoch verschuldet. Beunruhigend sind vor allem die hohen Kreditkartenschulden der Verbraucher und ihre Darlehen, um bestehende Schulden abzudecken. Während 2004 der Anteil der persönlichen und Kreditkarten-Darlehen einen Anteil von 22 Prozent an der Gesamtverschuldung ausmachte, liegt der Anteil heute bei 40 Prozent.
Während der fetten Jahre des türkischen Aufschwungs haben die Türken etwas mehr als ein Drittel ihrer steigenden Einkommen für Haus- und Autokredite verwendet. Rund 65 Prozent der Türken besitzen ein Eigenheim, fast jeder vierte Türke ist mittlerweile statistisch gesehen ein Autobesitzer.
Ende 2004 lagen die Privatschulden der Türken noch bei 26,5 Mrd. Lira. Rund zehn Jahre später, Mitte Juni 2015 betrug die Verschuldung der Haushalte bereits 390 Mrd. Lira. Davon entfallen nach Angaben der Bankvereinigung „Turkey Risk Center“ 15 Milliarden auf notleidende Kredite. Was in dieser Statistik nicht aufgelistet wird, sind die weitverbreiteten Privatkredite bei Freunden oder Verwandten.
Aber die Zeiten des Aufschwungs haben sich im Jahr 2014 bereits deutlich eingebremst. Das durchschnittliche Haushaltseinkommen hat sich gegenüber 2013 innerhalb eines Jahres um fast ein Viertel verringert, rechnet TUIK vor. Im Jahr 2013 betrug es noch 14.533 Lira. Ein Jahr später sank dieses um 23,5 Prozent auf 11.108 Lira ab.
Auf den Lebensstandard der einzelnen Familien heruntergebrochen bedeutet dies, dass sich beinahe 69 Prozent der Bevölkerung einen einwöchigen Urlaub außerhalb des eigenen Hauses nicht leisten können. 29 Prozent geraten bei unerwarteten Ausgaben in finanzielle Nöte. Ein Viertel der Bevölkerung gibt an, nicht ausreichend Geld für das Beheizen ihrer Wohnungen und Häuser zu besitzen.
Als positiv vermerken die Statistiker, das sich die Unterschiede zwischen den Bestverdienern und den niedrigsten Einkommensschichten um, 0,3 Prozent verringert hätten. Einer OECD-Studie aus dem Jahr 2014 zufolge ist aber das Einkommen der reichsten zehn Prozent in der Türkei 15 mal höher als das der ärmsten zehn Prozent. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch die türkische Statistikbehörde.
Was die Behörde im Gegensatz zur OECD nicht auswies, war der Anstieg der Dollarmilliardäre. Deren Zahl hat sich in den letzten zehn Jahren verzehnfacht. Mittlerweile zählt die Türkei 44 Dollarmilliardäre.