Badelt: „Man steht nicht 100-prozentig zur Uni-Autonomie“
Wien (APA) - Der mit 30. September aus dem Amt scheidende Rektor der Wirtschaftsuniversität (WU), Christoph Badelt, ortet ein leises Abrücke...
Wien (APA) - Der mit 30. September aus dem Amt scheidende Rektor der Wirtschaftsuniversität (WU), Christoph Badelt, ortet ein leises Abrücken von der Uni-Autonomie. „Ich glaube, es gibt so etwas wie ein nicht 100-prozentiges Stehen dazu“, so Badelt im APA-Gespräch. Das gelte vor allem für die Politik, aber auch in den Rektoraten werde der Umfang der Autonomie „bisweilen unterschiedlich interpretiert“.
Als Beispiel nannte Badelt die geplante Novelle des Universitätsgesetzes (UG): „Ich verstehe nicht, warum die Unis in den Entwicklungsplan Details ihrer langfristigen Personalplanung hineinschreiben sollen oder man ihnen Vorschriften macht, wann genau Entwicklungspläne zu überarbeiten sind. Warum muss das der Gesetzgeber festlegen? So gescheit sind die Rektorate doch auch selbst.“
In einer Hinsicht verstehe er die Politik aber schon: „Die Idee der Autonomie war ja, dass die Unis auch Verantwortung übernehmen. Jetzt sind sie aber öffentlich finanziert - und die breite Öffentlichkeit, einschließlich der Medien und der Opposition, hat ja nicht realisiert, was eine autonome Uni tatsächlich heißt: Wenn ein vermeintlicher Missstand herrscht, regt man sich deshalb beim Minister auf. Der muss jetzt aber sagen, dass er dazu nichts sagen und schon gar nichts ändern kann, weil das autonome Unis sind. Dass das einen Politiker frustriert, verstehe ich.“
Die Generation der Politiker, die voll an die Autonomie geglaubt hätten, sei mittlerweile nicht mehr da: „Jetzt sieht man vor allem die Probleme und fürchtet, dass man nicht steuern kann“, so Badelt. Deshalb würden wohl auch so viele Konzepte eingefordert und Zahlen fixiert: „Das entsteht aus der Sorge, dass das einzelne Unis vielleicht nicht gut machen und man es ihnen deshalb vorschreiben muss“, meinte Badelt: „Das war aber nicht Sinn der Sache. Man sollte auf die Grundidee der Autonomie zurückgehen: Es wird ein Ergebnis vorgegeben, und für dessen Erreichen ist die Uni eben verantwortlich.“
Damit sei er auch schon bei seinem „Lieblingsthema“: Das Problem sei, dass die Politik eben nicht die zentralen Dinge vorgebe - etwa wie viele Studierende eine Uni ausbilden soll und wie viel Geld sie dafür bekomme: „Genau das darf nicht in der Leistungsvereinbarung stehen, weil es gesetzwidrig wäre bei einem freien Hochschulzugang.“
Die Uni-Autonomie habe aber auch Grenzen, meinte Badelt. Die Entscheidung etwa über eine Medizin-Ausbildung in Linz oder die Zusammenlegung der Innsbrucker Unis müsse der Staat treffen: „Da bin ich auch im Widerspruch zu manchen Rektorenkollegen, die das in der Autonomie sehen.“
Und selbstverständlich müsste auch der Staat regeln, wie viele Studenten eine Uni aufzunehmen habe. Dabei könne er auch gesellschaftspolitische Vorgaben für die Gestaltung der Aufnahmeverfahren machen, so Badelt. „Ich habe immer wieder von Rektoren gehört, dass sie das in der Autonomie der Unis sehen, wieviele Leute sie zu nehmen haben. Das sehe ich nicht so.“ Damit einhergehen müsse aber natürlich eine derzeit nicht existente echte Studienplatzfinanzierung
Im Gegensatz zu anderen Rektoren sei er auch dafür, den Unis die Möglichkeit zu geben, innerhalb einer bestimmten Bandbreite Studiengebühren einzuheben: „Einige wollen das überhaupt nicht, weil sie das unter Druck setzt, sich selbst um das Geld zu kümmern.“ Ganz generell hätten manche Kollegen ein anlassbezogenes Verhältnis zur Autonomie, meinte Badelt: „Es gibt auch Rektoren, die schreien: ‚Das ist in unserer Autonomie.‘ Und wenn es politisch zu heiß wird, heißt es : ‚Das kann nicht in unserer Autonomie sein.‘“
Generell habe die Uni-Autonomie aber viel gebracht, betonte Badelt: Die von Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser vorgegebenen Sparbudgets hätten an nicht-autonomen Unis kaum umgesetzt werden können - „auch wenn wir uns damals verschaukelt vorgekommen sind, weil wir jetzt die Autonomie hatten und entscheiden durften, was wir nicht machen können“.
Die oft diskutierten Betreuungsverhältnisse an der WU relativierte Badelt: „Die Studierendenzahlen sagen überhaupt nichts aus. Das ist eine Schimäre, an der sich leider auch die Politiker orientieren. Sie hat aber nichts mit der Zahl der Studienaktiven zu tun oder mit den Abschlüsse, die massiv gestiegen sind.“
Die Frage sei wesentlich komplexer: „Ich kann heute unendlich viele Leute zulassen und sie in meiner Studieneingangsphase, die ohnehin im Internet steht, zu Prüfungen führen. Und es ist für eine computergestützte Auswertung völlig egal, ob ich 700, 1.700 oder 3.700 Prüfungen habe, das ist eine Sache von je einer zusätzlichen Stunde.“
Trotz des Andrangs seien aber die WU-Studien „viel besser geworden“: „Wir haben am Anfang nach wie vor keine befriedigenden Betreuungsrelationen - aber wir haben sie ab dem zweiten oder dritten Semester und durchgängig in den Masterstudien.“ Gleichzeitig sei durch die Bologna-Reform die Zahl der Studien deutlich größer geworden - und damit auch die Kosten.
Badelt selbst kehrt nach seiner Rektorszeit auf seine Professur für Wirtschafts- und Sozialpolitik zurück. „Als 64-Jähriger und nach 13 Jahren Rektorat werde ich realistischerweise nicht mehr in den Top-A-Journals publizieren, aber ich kann sicher noch seriöse Projekte machen.“ Insgesamt habe er in seiner Laufbahn den Anspruch auf fünf Forschungssemester akkumuliert, von denen er vorerst zwei nehme. „Das brauche ich zum intellektuellen Durchatmen - ich muss auch wieder etwas aufnehmen und nicht nur abgeben.“ Die andere Frage sei natürlich, ob man ihm erneut eine Managementfunktion anbiete, die zu ihm passe - zuletzt war er immer wieder für den Chefposten des Instituts für Höhere Studien (IHS) im Gespräch. „Es gibt aber noch ein, zwei andere denkbare Funktionen in meinem Bereich, die aber noch nicht im Brennpunkt des Medieninteresses stehen.“