ECC-Kongress - Ohne klinische Forschung keine optimale Krebstherapie
Wien (APA) - Eine moderne Krebsmedizin ist in Österreich ohne begleitende klinische Forschung an Patienten nicht umzusetzen. Wissenschaftspr...
Wien (APA) - Eine moderne Krebsmedizin ist in Österreich ohne begleitende klinische Forschung an Patienten nicht umzusetzen. Wissenschaftsprojekte an den Behandlungszentren sichern den Zugang zu neuesten Therapien und die notwendige Erfahrung der Ärzte. Sie müssten in Österreich wesentlich mehr gefördert werden. Dies erklärten Spitzenexperten Donnerstagabend aus Anlass des Europäischen Krebskongresses in Wien.
„Wenn man in Skandinavien Leute auf der Straße befragt, ob sie von der medizinischen Forschung profitieren, sagen dort 80 Prozent ‚ja‘. Ich habe Zahlen gelesen, dass das bei uns genau umgekehrt ist“, sagte Michael Gnant, Chef der Chirurgischen Universitätsklinik in Wien (MedUni Wien/AKH), bei einem vom Pharmakonzern Roche organisierten Hintergrundgespräch am Vorabend zum Start des ECC-Kongresses in Wien (bis 29. September) mit 20.000 Teilnehmern.
Die Verzahnung zwischen klinischer Forschung an Patienten und der Behandlung Krebspatienten ist der Öffentlichkeit und der Politik in Österreich offenbar kaum bewusst. Gnant, auch Präsident der in Fachkreisen seit Jahren international bekannten österreichischen Studiengruppe für Brust- und Darmkrebsforschung (ABCSG): „In Österreich wird die klinische Forschung zu weniger als einem Prozent durch die öffentliche Hand gefördert, in der EU sind es elf Prozent und in den USA die Hälfte.“
Die Studien zur Erforschung neuer Therapien bei Patienten mit bösartigen Erkrankungen sind in mehrfacher Hinsicht entscheidend für den Zugang der Kranken zu einer optimalen Versorgung: In solchen Studien betreute Krebskranke haben insgesamt eine bessere Überlebenschance, weil sie intensiver betreut werden. Ein Teil der Patienten bekommt sofort die neuesten Medikamente - lange vor der offiziellen Zulassung durch die Arzneimittelbehörden. Die Ärzte an den beteiligten Behandlungszentren - Universitätskliniken und Krankenhäusern mit Onkologie-Abteilungen - sind dadurch immer am neuesten Stand des Wissens. Schließlich: Bei positivem Abschluss einer Studie mit einer neuen Therapie wird diese binnen kürzester Zeit für die geeigneten Patienten erhältlich.
Günther Steger, Brustkrebsexperte von der Wiener Universitätsklinik bzw. dem Comprehensive Cancer Center von MedUni Wien und AKH, nannte dazu ein Beispiel: „Bei der sogenannten zielgerichteten Therapie gelang es uns in Österreich durch Teilnahme an Studien zu dem Medikament Trastuzumab mit Unterstützung der Sozialversicherung und dem Herstellern vor Jahren praktisch allen geeigneten Brustkrebspatientinnen den Zugang binnen Wochen zu ermöglichen. Das hat eine Verdoppelung der Überlebensraten gebracht. In Belgien war das Medikament erst nach zwei Jahren verfügbar. In den USA gibt es noch immer Patientinnen, die das noch nicht bekommen.“
Österreich müsse, wie die Experten einhellig betonten, besonders darauf achten, diese Art von Forschung zu fördern. Das Land ist mit acht Millionen Einwohnern ein Mini-Markt für die internationale Pharmaindustrie, die ihre Projekte natürlich bevorzugt in großen Staaten startet. Deshalb könne man nur mit besonderer Qualität und Schnelligkeit in der Forschungsleistung dieses Manko egalisieren.
Die ABCSG hat dabei gerade einen riesigen Erfolg verbuchen können. Der Koordinator des Forschungsnetzwerkes mit beteiligten Kliniken und Abteilungen in ganz Österreich, sagte: „Wir starten in wenigen Wochen das neueste klinische Forschungsprogramm, bei dem wir für die ganze Welt außer die USA die Leitung übernommen haben. Das bedeutet eine Brustkrebsstudie, die einen Durchbruch in der Behandlung bringen soll mit einem Finanzaufwand von 350 Millionen Dollar und 4.600 Patientinnen.“
Dabei geht es um die Testung eines Medikaments zur Hemmung der Cyclin-abhängigen Kinasen 4 und 6 bei Frauen mit hormonabhängigen Brustkrebs nach der Menopause. Sie erhalten Operation, Chemotherapie und Bestrahlung - und dann eine Antihormonbehandlung mit oder ohne dem neuen Medikament zur Verhinderung von Metastasen. „In der Behandlung von solchen Patienten mit bereits vorhandenen Tochtergeschwülsten wurden damit bereits große Erfolge erzielt“, sagte Steger. Die Studie soll klären, ob eine frühere Therapie einen zusätzlichen Erfolg bringt.“
In Österreich wäre deshalb eine stärkere Förderung der klinischen Forschung laut den Fachleuten dringend notwendig. „Alle großen Universitäten der Welt haben derzeit für die personalisierte Krebsmedizin eigene Zentren eingerichtet. Die Sorbonne hat dafür ein Zentrum für ‚Präzisisionsmedizin‘ um 35 Millionen Euro etabliert. Bei uns gibt es dafür weder Geld noch Strukturen noch Ressourcen.“
Dabei sind die Fortschritte der Krebsmedizin enorm. Gnant nannte dazu ein Beispiel aus der Brustkrebstherapie: „Wir können durch eine Chemotherapie und die Kombination von zwei Medikamenten der zielgerichteten Krebsbehandlung (Trastuzumab und Pertuzumab) bei 60, 70 oder gar 80 Prozent der Patientinnen mit HER2-positivem Brustkrebs erreichen, dass der Pathologe nach der Operation (in dem Pathologie-Präparat aus dem entfernten Gewebe; Anm.) keine einzige lebende Krebszelle mehr findet.“ Bei metastasiertem Brustkrebs hat sich die Lebenserwartung von ehemals nur zwölf bis 18 Monaten auf vier bis sechs Jahre erhöht.