ECC-Kongress - Krebsexperten: Mangel an Unterstützung in Europa

Wien (APA) - Was auf Österreich laut Wiener Experten zutrifft, trifft offenbar auch auf ganz Europa zu: Die akademische Krebsforschung an Pa...

Wien (APA) - Was auf Österreich laut Wiener Experten zutrifft, trifft offenbar auch auf ganz Europa zu: Die akademische Krebsforschung an Patienten wird viel zu wenig durch die öffentliche Hand - national und übernational (EU) - unterstützt. Dies betonten Fachleute am Freitag bei der deutschsprachigen Eröffnungs-Pressekonferenz zum Europäischen Krebskongress (ECC2015 - bis 29. September) in Wien.

„Wir versuchen gerade in Europa die Aktivitäten der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO) und der Europäischen Krebsforschungsorganisation (EORTC) zu koordinieren, um hier mehr Lobbying zu betreiben. Was auf dieses Land hier extrem zutrifft, trifft auch auf ganz Europa zu“, sagte Christoph Zielinski, lokaler Organisator des Kongresses (Comprehensive Cancer Center MedUni Wien/AKH), mit rund 20.000 Teilnehmern.

Ähnlich äußerte sich der Direktor des Westdeutschen Tumorzentrums (Essen), Dirk Schadendorf: „Wir haben in Europa Studiengruppen, die zumindest gleich effizient, wenn nicht effizienter als die Studiengruppen in den USA sind.“ Es fehle aber einfach an der entsprechenden Unterstützung. In den USA beträgt der Förderungsanteil durch das National Cancer Institute (NCI) und anderer Stellen an klinischen Studien rund 50 Prozent, in der EU sind es elf und in Österreich weniger rund ein Prozent. Eine Hilfe wäre schon, wie Schadendorf darstellte, wenn die akademische Forschung an zu untersuchende Wirkstoffe herankomme. „Das NCI hat sie und stellt sie Forschungsprojekte zur Verfügung.“

Ein klassisches Beispiel für die Mängel in Europa stellt eine Studie, welche eine führende Schweizer Onkologin auf dem Gebiet des Prostatakarzinoms am Freitag bei der Pressekonferenz präsentierte. Erstmals haben Silke Gillessen und die Co-Autoren von der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Klinische Krebsforschung (SAKK) untersucht, ob man Patienten mit einem Prostatakarzinom und Metastasen bei Resistenz gegen eine antihormonelle Therapie (kastrationsresistent) durch die sofortige Gabe eines neuen Medikaments (CYP17-Hemmstoff) nach der Chemotherapie (Docetaxel) die Krankheit länger stabilisieren kann. „Bisher hat mit damit gewartet, bis die Krankheit fortschritt.“ Doch obwohl sich durch diese neue Behandlung zur Aufrechterhaltung des ersten Therapieerfolges eine Verlängerung des Zeitraums bis zum Fortschreiten der Erkrankung von durchschnittlich 2,9 auf 8,5 Monate zeigte, musste die Studie abgebrochen werden, weil der unterstützende Pharmakonzern die Entwicklung des Medikaments stoppte.

„Leider musste diese Studie vorzeitig geschlossen werden. Es ist schwierig, akademische Fragen zu bearbeiten“, sagte Gillessen. Man benötige fast immer ein Pharmaunternehmen als Finanzierungsquelle. Wenn da kein „sexy“ Neuprodukt zu untersuchen sei, werde es schwierig.

Gleichwohl macht die Krebsforschung derzeit gerade bei ehemals kaum medikamentös behandelbaren Erkrankungen riesige Fortschritte. Schadendorf, der eine neue Studie zur Übereinstimmung der Ergebnisse von „normaler“ pathologischer Biopsie-Untersuchung und der sogenannten Flüssig-Biopsie beim fortgeschrittenen Melanom zur besseren Therapieplanung und Therapiekontrolle über Jahre hinweg vorstellte: „Vor fünf Jahren brauchte man sich darum keine Gedanken zu machen, weil die Patienten bei einer Überlebenszeit von sechs bis acht Monaten so schnell starben. Jetzt haben wir erstmals Patienten mit metastasiertem Melanom mit einem Krankheitsverlauf von fünf Jahren. Früher konnte ich jeden meiner Melanompatienten beim Namen nennen, wenn er drei Jahre überlebte. Heute reden wir in unserem Tumorboard über Patienten, die nach zwei Jahren keinen Tumor mehr haben und überleben, ob wir die Therapie wieder absetzen könnten.“