Erstickt in peinlichem Realismus
Ludwig van Beethovens Oper „Fidelio“ spannungslos zur Saisoneröffnung des Tiroler Landestheaters: Überwiegend gute Gesangsleistungen in einer unsäglichen szenischen Realisation.
Von Ursula Strohal
Innsbruck –„Fidelio“ ist mit seinen Themen politischer Willkür und Freiheit als existenzielles Grundrecht ein Menschheitsthema. Regisseur der Neuinszenierung am Tiroler Landestheater ist Ansgar Haag, seine Bühnenbildnerin Kerstin Jacobssen. Sie schaffen eine Szene, wie sie provinzieller hier schon lange nicht mehr zu sehen war.
Möglicherweise liegt die Ursache bei Bertolt Brecht, dessen Äußerung Haag im Programmheft zitiert, politische Themen vermittle man am Theater am besten über eine private Beziehungsgeschichte. Nun wurde diese konzeptuelle Idee kürzlich bei den Salzburger Festspielen in der Umsetzung von Wolfgang Rihms „Eroberung von Mexico“ durch Peter Konwitschny zum grandiosen Erfolg. Beim Innsbrucker „Fidelio“ geriet sie, wenn auch freundlich beklatscht, zur Sackgasse mit den Peinlichkeiten eines übersteuerten Realismus.
Statt äußerer Reduktion und konzentrierter Personenführung, die eine innere Dimension zum Ausleuchten jeder Figur wachsen lässt, wählt der Regisseur Too-much-information-Biederkeit. In eisiger Winterlandschaft unter hohem Stacheldraht liegt das Gefängnis in einem aufgelassenen Bunker mit Denkmalresten. Soweit gut, wäre da nicht des Kerkermeisters Küche wie aus dem Beginn von „Hänsel und Gretel“ mit laufendem Fernseher, Samowar und Wäscheleine und in den Außenbildern eine Bühnenaufteilung, die einen mitunter unsinnigen Drehbühneneinsatz nötig macht. Florestan in seinem Käfig läge eigentlich in Dunkelhaft, aber da leuchtet gemütliches Licht. Ein anderer Lichteinfall wird von seinen Handschellen bis ins Publikum reflektiert.
Gefängniswärters Töchterchen Marzelline gehört Haags besondere Sympathie, sie streift auf dem Küchentisch den Rock nach oben, um ihre Sehnsüchte zu zeigen, und als sie am Ende allein bleibt, gibt sie begeistert der Anmache des Ministers nach. Freilich: Susanne Langbein singt prachtvoll. Joshua Lindsay gibt seinen hellen Tenor dem aggressionsbereiten Jaquino, der zuletzt Marzelline auslacht, bevor er sich aus dem Staub macht.
Leonore ist bei Susanna von der Burg in erfahrenen Händen, sie hat ihre schönen, innigen Momente im Lyrischen, lässt aber auch hören, wie schwer und kräfteraubend diese Partie ist. Der Regisseur ist rücksichtslos wie Beethoven, wenn er sie im forderndsten Teil ihrer großen Arie eine lange Stiege hinauftreibt. Scott MacAllister singt den Florestan großartig und doch differenziert, eine Besetzung, die vokal selten so gut gelingt. Dasselbe gilt für Sebastian Holeceks durchschlagenden Pizarro. Der Stargast am TLT sang im Sommer in Salzburg den Minister und rüstet sich nun mit strahlender Kraft für den Bösewicht. Rocco, deutlich gezeichneter Gefangener seiner Lebensverhältnisse, hat in Michael Hauenstein einen jungen, soliden Vertreter. Die Gefangenen, warm ausgestattet von Michael D. Zimmermann bis auf die Stiefel, die sie nach der Befreiung wiederbekommen, singen ihren Part achtbar, die Soli kommen von Tyler Clark und Peter Thorn. Der junge Minister von Daniel Raschinsky ist mit starkem Vibrato der Gute.
Haag gewährt der Oper die Dialoge, aber in einer „revidierten Ausgabe“. Statt „Ich habe Mut und Kraft“ sagt Leonore „Ich habe Mut und Stärke“ und gibt sich geschwätzig: „Ich muss gestehen, ich bin etwas erschöpft.“ Dann deckt sie den Tisch und legt das Essen vor.
Unsägliches und handwerklich Unzureichendes existiert in der Regie genug. Schlimm sind die Pausen nach jeder Nummer oder zum Szenenwechsel, die Risse verursachen und einen Spannungsaufbau verhindern. Das führt bis ins Orchester. Francesco Angelico kann es nicht verhindern – vermutlich auch nicht, dass seine sich entwickelnde Ouvertüre durch eine unnötige Bühnenhandlung gestört wird. Er geht mit dem Orchester ebenso leidenschaftlich wie kammermusikalisch subtil, was aber dünn werden kann, an die Arbeit, die zu wenig Früchte trägt. Auf die dritte Leonoren-Ouvertüre wird verzichtet.