Bühne

Raus aus dem schwankenden Dachs-Bau

© VOLKSTHEATER WIEN

Zurück in die Zukunft mit Agitprop und Lustspielkitsch : „Der Marienthaler Dachs“ am Volkstheater.

Von Bernadette Lietzow

Wien –Bricht die „Scheißthal- sperre“, ergießt sich der zerstörerische Kot übers verelendete Industriedorf mit der frivolen Chance des Beschäftigungsbringers Wiederaufbau nach der Katastrophe. Die braune (Gedanken)-Flut spülte auch im historischen Marienthal, jener bis zum Untergang durch Fehlspekulation und Bankenkrach beispiellosen Textilarbeitersiedlung südlich von Wien, endgültig jene Errungenschaften weg, die diese Arbeits- und Lebensgemeinde ausgezeichnet hatten. Ein reges Vereinsleben und auf die Bedürfnisse der Arbeiterfamilien abgestimmte soziale Einrichtungen prägten Alltag und Selbstbewusstsein der Marienthaler, die Schließung der Textilfabrik 1930 ließ die nun arbeitslose Gemeinschaft in Apathie versinken. Ein Nährboden für den aufkeimenden Nationalsozialismus. Ins Arbeiterheim zieht die lokale NSDAP ein und das Kinderfreundehaus übernimmt die Hitlerjugend.

Da sind die Wissenschaftler Marie Jahoda, Paul Lazarsfeld und Hans Zeisl, deren Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ zum Kanon der sozialpsychologischen Literatur zählt, als Juden und engagierte Linke schon lange weg aus Österreich. Mittels Feldforschung erheben sie soziale wie seelische Zustände einer Gemeinschaft, in der nahezu jeder von Arbeitslosigkeit betroffen ist. Bestand bei Lazarsfeld die Vermutung, dass die prekäre Lage eine Politisierung im kommunistischen Sinn fördern könnte, so dokumentiert die Studie allgemeine Lähmung und Hoffnungslosigkeit.

Ulf Schmidt, deutscher Autor, Digitalberater und kontroversieller Blogger in Sachen postdramatisches Theater, nimmt sich die Studie zur Brust, um auf deren Folie ein neues Marienthal in den börsenfixierten Zeiten des Neoliberalismus entstehen zu lassen. Sein am Heidelberger Stückemarkt 2014 ausgezeichnetes Stück „Der Marienthaler Dachs“, aufgrund der Parallelschaltung der Szenen eher einer Partitur gleichend, haben Regisseur Volker Lösch und Dramaturgin Heike Müller-Merten in eine “Wiener Fassung“ gebracht.

Die Volkstheater-Premiere am vergangenen Freitag fiel durchwachsen aus. Wien findet statt, ein beeindruckend kraftvoller Chor von zwanzig aktuell Erwerbslosen im Arbeiter-Blau agiert, agitiert und spricht traurigen Klartext im rosaroten Halbrund der Bühne (Carola Reuther), im Hintergrund der an das Manner-Logo erinnernde Schriftzug „Marienthal“. Anspielungen auf den aktuellen Wiener Wahlkampf, die Flüchtlingsproblematik, Strache und Krone-Schmähfeder Jeannée verorten überdies.

In über drei Stunden entfaltet sich, zunehmend schleppend, weil redundant, die große Oper des kleinen Mannes: ein postmoderner Tanz um das Goldene Kalb, das, in Gestalt des mit indischer Göttinnenkrone versehenen Mediums (Gábor Biedermann), dafür zuständig ist, die Huldigung des Dachses (gemeint ist natürlich der Frankfurter Börsen-DAX) in gewinnbringende Bahnen zu leiten. Mutter Konzern (Claudia Sabitzer), Vater Staat (Günter Franzmeier), Tochter Gesellschaft (Nadine Quittner), Baby „der kleine Mann“ (Thomas Frank), das einen Schnellkurs in turbokapitalistischer Geldvermehrung haltende „Milchmädchen“ (Evi Kehrstephan), der vom rechten Mob zur Strecke gebrachte linke Idealist „Andi Arbeit“ (Jan Thümer), all diese Figuren sind Chiffren, kalauernde Pappkameraden mit dem pseudorealistischen Selbstoptimierungs-Sprech der Nullerjahre oder den hoffnungslosen Parolen eines längst vergangenen linken Idealismus.

Lösch hantiert an sich virtuos mit der Mischung aus harter Realität, indem er dem Publikum den Einblick in zeitgenössisches prekäres Leben zumutet, und greller Revue, in der jeder und jede sich zu verkaufen sucht. Allein hält das Konzept Spannung und Kongruenz nur bis zur Pause und verheddert sich im zweiten Teil zunehmend in Wiederholungen und Verlegenheiten. Dennoch: Anna Badoras Volkstheater nimmt die Fäden der ursprünglich als proletarischer Entwurf zur bürgerlichen Burg konzipierten Spielstätte auf.