Flüchtlinge - UNO: Millionen könnten nach Europa streben

Genf/Rom (APA/Reuters/dpa) - Die tägliche Ankunft von rund 8.000 Flüchtlingen in Europa stellt nach UNO-Darstellung möglicherweise nur die S...

Genf/Rom (APA/Reuters/dpa) - Die tägliche Ankunft von rund 8.000 Flüchtlingen in Europa stellt nach UNO-Darstellung möglicherweise nur die Spitze des Eisbergs dar. „Ich sehe es nicht abflauen“, sagte der Regionalleiter Nahost des UNO-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR), Amin Awad, am Freitag in Genf. Er schloss nicht aus, dass Millionen von Flüchtlingen nach Europa streben könnten.

Solange es keine Lösung für den syrischen Bürgerkrieg gebe und die Lage in den Flüchtlingslagern in den Anrainerländern nicht stabilisiert werde, bleibe der Druck zur Flucht erhalten, machte er deutlich. Nach Darstellung der Vereinten Nationen verschlechtert sich auch die Lage im Irak. Die Vereinten Nationen bereiten sich auf die Flucht von 500.000 Menschen aus Mossul vor, falls die irakischen Streitkräfte versuchen, die Stadt aus den Händen der Jihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) zurückzugewinnen.

Die Anzahl der Kinder auf der Flucht nach Europa hat sich laut UNO in den vergangenen Monaten dramatisch um 80 Prozent erhöht. Von Jänner bis Ende Juli hätten bereits 133.000 Minderjährige in Europa Asylanträge gestellt und damit durchschnittlich 19.000 pro Monat, teilte das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) ebenfalls mit. Die meisten dieser Kinder stammten aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan. UNICEF fehle es an Mitteln, um alle Flüchtlingskinder gut betreuen zu können, erklärte Marie-Pierre Poirier, die UNICEF-Koordinatorin für die Flüchtlingskrise. Die Organisation appelliere daher an Geberstaaten und Spender, zusätzlich 14 Millionen Dollar (12,5 Millionen Euro) zur Verfügung zu stellen.

UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon begrüßte die bei einem EU-Sondergipfel in der Nacht auf Donnerstag getroffene Entscheidung, eine Milliarde Euro zusätzlich zur Versorgung syrischer Flüchtlinge in Nachbarstaaten des Bürgerkriegslandes aufzubringen. Das sei ein „Schritt in die richtige Richtung“. Trotzdem seien aber weitere Anstrengungen zur Lösung der Krise und zum Schutz der Flüchtlinge notwendig. Die geflohenen Männer, Frauen und Kinder müssten „würdig und menschlich“ empfangen werden, sagte Ban laut Mitteilung der Vereinten Nationen in New York vom Donnerstag. Zudem sollte die Europäische Union überlegen, legale und sichere Wege nach Europa für die Flüchtlinge auszubauen, damit sie nicht lebensgefährliche Reisen auf sich nehmen müssten oder in die Hände von Schleppern gerieten. Europäische und andere Länder müssten zudem weitere Ausweichlager für Flüchtlinge bereitstellen.

Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini hält das Dubliner Abkommen mit den Regeln für Asylanträge in Europa unterdessen für veraltet. „Das Dubliner Abkommen ist eine Regelung aus Zeiten, in denen die Migration ein Phänomen anderer Dimensionen war“, so Mogherini im Interview mit der römischen Tageszeitung „La Repubblica“. Der Flüchtlingsnotstand müsse als europäisches Problem in Angriff genommen werden. Initiativen, um den Krieg in Syrien zu stoppen, würden das Flüchtlingsphänomen nicht bremsen. Das Problem Libyen würde nach wie vor bestehen. „Hinter Libyen steckt ganz Afrika, ein Kontinent in ständigem Aufruhr, wo die Menschen leiden, allerdings gelernt haben, sich mehr als in der Vergangenheit in Bewegung zu setzen. Das ist eine Tatsache, mit der wir uns noch lang auseinandersetzen müssen.“

Griechenland traf unterdessen erste Vorbereitungen für die Bildung von Zentren zur Registrierung von Flüchtlingen („Hotspots“). Sie sollen nach Überlegungen der Polizei in enger Zusammenarbeit mit europäischen Sicherheitsbehörden und finanziert von der EU auf mehreren Inseln entstehen. Die Zentrale Koordinationsstelle soll in Piräus sein. „Sobald es die Finanzierung dazu gibt, können wir starten“, sagte ein Offizier der Küstenwache auf Chios am Freitag. Anlaufstellen sollen auf Chios, Lesbos, Samos und Kos gebaut werden. Nach ihrer Registrierung auf den Inseln sollen die Migranten zunächst in ein Lager etwa 75 Kilometer östlich von Athen gebracht werden. Zudem werde daran gedacht, ein zweites Lager nahe Thessaloniki zu bauen. Nach Angaben aus gut informierten Polizeikreisen sei bisher aber noch kein Geld der EU geflossen.

Völlig unklar ist, wie die Menschen zurück in ihr Land gebracht werden sollen, deren Asylantrag abgelehnt werden. Versuche Griechenlands, in den vergangenen Jahren Tausende nicht als Flüchtlinge anerkannte Menschen zurückzuweisen, sind gescheitert. Trotz entsprechender Rückführungsabkommen wollten weder die Türkei noch ihre Herkunftsländer die Menschen haben. Diese versuchen jetzt auch nach Westeuropa zu kommen.

Auf dem griechischen Festland kamen am Freitag knapp 4.000 Flüchtlinge von der Ostägäisinsel Lesbos an. Nach dem Kentern eines Flüchtlingsbootes wurden vor der griechischen Insel Kalymnos sieben Menschen vermisst. Fischer konnten einen Flüchtling aus dem Meer retten und benachrichtigten die Behörden. Andere Fischer hatten am Vorabend 115 Flüchtlinge auf der unbewohnten Insel Gioura entdeckt. Die Menschen - darunter auch 30 Kinder- sollten nach Angaben der Küstenwache am Freitag in kleineren Gruppen ans Festland gebracht werden.

~ WEB http://www.unhcr.org

http://www.un.org/en/

www.unicef.org ~ APA415 2015-09-25/15:03