Russische „Brüder“ sind in Latakia gern gesehene Gäste

Latakia (APA/AFP) - In der Lobby eines Hotels der syrischen Küstenstadt Latakia sitzen an zwei Tischen fünf muskelbepackte Russen. Sie blick...

Latakia (APA/AFP) - In der Lobby eines Hotels der syrischen Küstenstadt Latakia sitzen an zwei Tischen fünf muskelbepackte Russen. Sie blicken finster drein und fingern an ihren Mobilfunkgeräten herum. „Wir sind Besucher, Punkt“, sagt einer von ihnen. Auf seinem Rücken prangen großflächige Tätowierungen, auch ein großes Kreuz ist dort zu sehen. Auf Nachfragen gibt einer der anderen zu verstehen, dass sie nicht gestört werden wollen. Ein Manager des Hotels erteilt die Auskunft, er dürfe „nicht sagen, dass Russen hier sind“. Diese Männer hätten angegeben, dass sie Piloten von Frachtflugzeugen seien.

Seit Jahrzehnten ist die Unterstützung Moskaus für die syrische Führung eine Konstante der internationalen Diplomatie. Auch der seit viereinhalb Jahren währende Bürgerkrieg mit den inzwischen mehr als 240.000 Toten hat nichts daran ändern können, das der russische Präsident Wladimir Putin seinem syrischen Kollegen Bashar al-Assad die Treue hielt. In den vergangenen Wochen ist die Unterstützung noch auffälliger geworden. Moskau lieferte nach US-Angaben Kampfjets, Flugabwehrsysteme, Drohnen und anderes Militärgerät nach Syrien.

In Latakia wird die russische Unterstützung mit großer Freude aufgenommen. „Morgens zwischen sechs uns sieben sehe ich immer mehrere russische Maschinen vorbeifliegen, dann fühle ich mich besser“, sagt Ahmed, der in der Nähe des Bassel-al-Assad-Flughafens in Hmeimim, 25 Kilometer südlich von Latakia, lebt. Die militärische Verstärkung ist nicht nur am Flughafen, sondern auch am russischen Marinestützpunkt Tartus, südlich von Latakia, zu spüren

„Sie waren unsere Freunde, nun sind sie unsere Brüder geworden“, sagt Rima, ein 25-jähriger Student, über die Russen. Latakia ist eine der letzten größeren Bastionen der regierenden Alawiten, zu denen auch Präsident Assad zählt. Die Alawiten sind eine Abspaltung des schiitischen Islam. Ihr Glaube ist von christlichen und esoterischen Einflüssen geprägt. Sie feiern sowohl muslimische als auch christliche Feste. In Latakia stellen die Alawiten rund die Hälfte der 400.000 Einwohner. Das militärische Engagement der Russen sei eine „gute Sache“, sagte der 40-jährige Ingenieur Fady. „Die Russen werden die Extremisten zurückhalten.“

In der Region geht die Sorge um, islamistische Fundamentalisten könnten in die Stadt vordringen. Wiederholt schon wurden von außen Raketen nach Latakia gefeuert. Die Al-Kaida-nahe Al-Nusra-Front steht in der benachbarten Provinz Idlib bereit. „Es gibt nichts Herrlicheres, als am Morgen Kaffee zu trinken, Wasserpfeife zu rauchen und dem Sound russischer Flugzeuge zu lauschen“, sagt der 46-jährige Geschäftsmann Nafaa in Sharashir unweit vom Flughafen. Viele Syrer hätten familiäre Bande nach Russland, weiß der 53-jährige Ingenieur Adnan, vor allem syrische Diplomaten, die in Russland geheiratet hätten.

Das neue Engagement Russlands in Syrien hat schon Auswirkungen auf dem internationalen Parkett. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, zuvor ein erklärter Gegner Assads, sagte am Donnerstag, der syrische Machthaber werde möglicherweise für den „Übergangsprozess“ noch gebraucht. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach sich erstmals für direkte Gespräche mit Assad aus. US-Präsident Barack Obama, der im August 2011 markant Assads Rücktritt gefordert hatte, will am kommenden Montag mit Putin zusammentreffen.

Das jüngste militärische Engagement Russlands in Syrien ist nach Einschätzung eines Vertreters der Regierung in Damaskus ein „Wendepunkt“ des Bürgerkriegs. Russland wolle zeigen, dass es „keine Lösung ohne Assad“ geben könne. Die syrischen Regierungstruppen würden im Kampf gegen die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) gebraucht. Moskau rufe nunmehr in Erinnerung, dass seine Beziehung zu Damaskus „mehr als 50 Jahre alt“ sei. Das sei zugleich eine „Botschaft“ an die anderen Regionalmächte, dass Russland wieder die Rolle eines „zentralen Akteurs“ einnehme.

(Wiederholung mit geänderter Ortsmarke)