Zentrale durchsucht: Schweiz ermittelt gegen FIFA-Boss Blatter
Mit Spannung wurde am Freitag der Auftritt von Joseph Blatter erwartet. Doch dann geht es an der FIFA-Zentrale Schlag auf Schlag. Die Staatsanwaltschaft eröffnet ein Strafverfahren gegen Blatter. Auch Michel Platini spielt eine Rolle.
Zürich - Die Ära Joseph Blatter steht vor dem jähen Ende, die skandalerprobte FIFAversinkt nach ihrer schwärzesten Stunde im absoluten Chaos. Die Schweizer Behörden eröffneten ein Strafverfahren gegen den vermeintlich unangreifbaren FIFA-Präsidenten und untersuchen auch einen fragwürdigen Deal mit UEFA-Chef Michel Platini. Blatter muss sich seit Freitag „wegen des Verdachts der ungetreuen Geschäftsbesorgung“ und Veruntreuung verantworten.
Sollte der 79 Jahre alte Schweizer wie zu erwarten suspendiert werden, steht der Fußball-Weltverband mit dem neuerlichen Tiefpunkt im Korruptionsskandal vor der Führungslosigkeit. Nach einer Sitzung des FIFA-Exekutivkomitees wurde Blatter noch am Verbandssitz von Vertretern der Schweizer Bundesanwaltschaft „als Beschuldigter“ vernommen.
Platini als „Auskunftsperson“ befragt
Mit Unterstützung der Bundeskriminalpolizei durchsuchten die Ermittler die FIFA-Zentrale und das Büro von Blatter, dabei wurden Daten sichergestellt. Platini, Präsident der Europäischen Fußball-Union, wurde zudem „als Auskunftsperson“ befragt.
Blatter will in der Korruptionsaffäre des Fußball-Weltverbandes mit Schweizer Bundesanwaltschaft zusammenarbeiten. „Herr Blatter kooperiert und wir sind zuversichtlich, dass die Schweizer Behörden sehen, dass der Vertrag von den Mitarbeitern korrekt vorbereitet und verhandelt worden ist, wenn sie die Chance haben, die Dokumente und Beweise anzuschauen“, sagte Blatters Anwalt der New York Times. Auch der Fußball-Weltverband hatte der schweizerischen Bundesanwaltschaft bei den strafrechtlichen Ermittlungen gegen Blatter die volle Unterstützung zugesichert.
Die US-Bundespolizei FBI, die in diversen Korruptionsverdachtsfällen seit längerer Zeit Untersuchungen gegen frühere FIFA-Funktionäre führt, äußerte sich am Freitag nicht zur Entwicklung in der Schweiz. „Wir haben keinen Kommentar, da es für uns unangemessen ist, die Ermittlungen anderer Behörden zu kommentieren“, sagte Kelly Langmesser vom FBI in New York der Deutschen Presse-Agentur.
Blatter soll im Februar 2011 eine „treuwidrige Zahlung“ von zwei Millionen Schweizer Franken an seinen früheren Intimus Platini geleistet haben. Dabei sei es um geleistete Dienste zwischen Januar 1999 und Juni 2002 gegangen. Platini hatte Blatter bei dessen Wiederwahl als FIFA-Chef im Mai 2002 unterstützt. „Wir werden keine weiteren Kommentare abgeben, da es eine laufende Ermittlung ist“, teilte die FIFA mit.
Es bestehe zudem der Verdacht, dass Blatter im September 2005 mit der Karibischen Fußball-Union und deren Präsident Jack Warner einen für die FIFA ungünstigen Vertrag abgeschlossen habe, teilte die Schweizer Bundesanwaltschaft mit. Das Schweizer Fernsehen hatte Anfang September berichtet, dass Blatter die Übertragungsrechte für die WM in Südafrika für 250.000 Dollar, die für die WM in Brasilien für 350 000 Dollar veräußert haben soll. Warner soll demnach die TV-Übertragungsrechte zwei Jahre später nach Schätzungen in Medien für 15 bis 20 Millionen Dollar wieder weiterverkauft haben.
Pressekonferenz kurzfristig abgesagt
An einem denkwürdigen Freitag auf dem Zürichberg ließ Blatter nach der Sitzung des FIFA-Exekutivkomitees zunächst seinen mit Spannung erwarteten Auftritt vor der Weltpresse in letzter Sekunde platzen. Die 15 Kamerateams und zahlreichen Journalisten mussten den Bereich vor der Eingangstür kurz vor 14 Uhr verlassen, 150 Minuten danach klärte die Schweizer Bundesanwaltschaft die mysteriöse Situation auf. „Für den Präsidenten der FIFA, Joseph Blatter, gilt wie für alle Beschuldigten die Unschuldsvermutung“, teilte die Behörde mit.
Dennoch müsste Blatter von der Ethikkommission suspendiert werden, dann würde der ebenfalls skandalumwitterte Vize Issa Hayatou aus Kamerun vorerst die Geschäfte übernehmen. Eigentlich wollte Blatter erst Ende Februar abdanken.
Staatsanwaltschaft erhielt Einsicht in Valcke-Mails
Vor einer Woche war der langjährige Blatter-Vertraute Jérôme Valcke als FIFA-Generalsekretär suspendiert worden. Der Franzose wurde nach „einer Reihe von Vorwürfen“ von der FIFA vorläufig seines Amtes enthoben. Gegen den Franzosen sind Korruptionsanschuldigungen im Zusammenhang mit der Vergabe von Ticket-Kontingenten laut geworden, er wies diese zurück. Nach einer Hängepartie gewährte die FIFA am Donnerstag der Staatsanwaltschaft der Schweiz Einblick in den Mailverkehr von Valcke.
Dieser sei beim Treffen der FIFA-Regierung aber „nur ganz kurz ein Thema“ gewesen, berichtete der Chef des Deutschen Fußball-Bundes am Freitag nach der zweitägigen Sitzung am FIFA-Sitz in Zürich. „Das muss man verstehen, es stehen die Anschuldigungen im Raum und auf der anderen Seite das klare Statement, dass diese Anschuldigungen falsch sind. Es gilt die Unschuldsvermutung, es ist ein laufendes Verfahren“, sagte DFB-Chef Wolfgang Niersbach.
Valcke hatte bereits neben Blatter gefehlt, als dieser sich zuletzt vor gut zwei Monaten den Medien gestellt hatte und von einem Komiker mit Dollarnoten beworfen worden war. Nun kam es erst gar nicht zu einem weiteren Blatter-Auftritt.
Dürftige Ergebnisse nach FIFA-Treffen
Stattdessen verschickte der angeschlagene Fußball-Weltverband zunächst lediglich eine Mitteilung mit Ergebnissen des zweitägigen Treffens der FIFA-Regierung. Die Resultate sind äußerst dünn:Der Beginn der umstrittenen WM in Katar wurde auf den 21. November 2022, einen Montag, terminiert. Damit dauert das Weltturnier wie erwartet nur 28 Tage.
Ansonsten blieb die Exekutive viele Antworten schuldig: Die geforderte Transparenz-Reform für die Arbeit der FIFA-Ethikhüter lässt weiter auf sich warten. Den Antrag der unabhängigen Ethikkommission, die Öffentlichkeit über laufende Verfahren informieren zu dürfen, begrüßte das Exko zwar „prinzipiell“.
Allerdings wurde die angestrebte Änderung der Verschwiegenheitsklausel an die Kommission für rechtliche Angelegenheiten zur „Beratung“ weitergegeben. Das Exko hätte die Änderung auch selbst beschließen können. Würde der Paragraf 36 des FIFA-Ethikcodes aufgehoben, könnte die Untersuchungskammer der Ethikkommission beispielsweise erklären, ob gegen UEFA-Präsident Michel Platini Ermittlungen laufen. (dpa)
Das Statement „Strafverfahren gegen FIFA-Präsident eröffnet“ im Wortlaut
BERN, 25.09.2015 --- Die Bundesanwaltschaft der Schweiz hat gegen den Präsidenten der Fédération Internationale de Football Association (FIFA) ein Strafverfahren wegen des Verdachts der ungetreuen Geschäftsbesorgung sowie - eventualiter - wegen Veruntreuung eröffnet.
Das Verfahren der Bundesanwaltschaft gegen Joseph Blatter wurde am 24. September 2015 eröffnet wegen des Verdachts der ungetreuen Geschäftsbesorgung (Art. 158 StGB) und - eventualiter - wegen Veruntreuung (Art. 138 StGB).
Es besteht dabei einerseits der Verdacht, dass Joseph Blatter am 12. September 2005 mit der CARIBBEAN FOOTBALL UNION (deren Präsident Jack Warner war) einen für die Fédération Internationale de Football Association (FIFA) ungünstigen Vertrag abgeschlossen hat.
Andererseits besteht der Verdacht, dass Joseph Blatter auch bei der Umsetzung des Vertrages in Verletzung seiner Treuepflichten gegen die Interessen der FIFA resp. der FIFA Marketing & TV AG verstossen hat.
Zudem wird Joseph Blatter eine treuwidrige Zahlung von CHF 2 Mio. im Februar 2011 an Michel Platini, Präsident der Union of European Football Associations (UEFA), zu Lasten der FIFA vorgeworfen, angeblich für die zwischen Januar 1999 und Juni 2002 geleisteten Dienste.
Joseph Blatter wurde am 25. September 2015 von Vertretern der Bundesanwaltschaft der Schweiz im Anschluss an eine Sitzung des Exekutiv Komitees der FIFA als Beschuldigter einvernommen.
Michel Platini wurde gleichzeitig als Auskunftsperson (Art. 178 StPO) von Vertretern der Bundesanwaltschaft einvernommen.
Die Bundesanwaltschaft führte zudem am 25. September 2015 mit Unterstützung der Bundeskriminalpolizei (BKP) eine Hausdurchsuchung bei der FIFA in Zürich durch. Dabei wurde auch das Büro des FIFA-Präsidenten durchsucht und Datenmaterial sichergestellt.
Für den Präsidenten der FIFA, Joseph Blatter, gilt wie für alle Beschuldigten die Unschuldsvermutung.
DIE BUNDESANWALTSCHAFT WIRD KEINE ZUSÄTZLICHEN INFORMATIONEN ERTEILEN, WEDER AUF SCHRIFTLICHE NOCH AUF TELEFONISCHE ANFRAGEN.
André Marty, Informationschef Bundesanwaltschaft.