Jeder gegen jeden: Balkanländer im Clinch über Flüchtlingskrise

Belgrad/Zagreb (APA/dpa) - Die serbische Boulevardzeitung „Informer“ hat am Freitag auf ihrer Titelseite ein Porträt montiert. Die eine Gesi...

Belgrad/Zagreb (APA/dpa) - Die serbische Boulevardzeitung „Informer“ hat am Freitag auf ihrer Titelseite ein Porträt montiert. Die eine Gesichtshälfte zeigt den faschistischen kroatischen Führer von Hitlers Gnaden, Ante Pavelic, die andere den kroatischen Regierungschef Zoran Milanovic.

Milanovic hatte zuvor sein Land als Adler bezeichnet, das sich nicht mit „Fliegen“ wie Serbien beschäftigt. „Milanovic als Straßenbub“, titelte die größte Belgrader Zeitung „Blic“.

Es flogen die Fetzen zwischen dem jüngsten EU-Mitglied Kroatien und dem Beitrittskandidaten Serbien. Streitpunkt waren Zehntausende Flüchtlinge, die in den vergangenen Tagen von Serbien an die Grenze zu Kroatien transportiert wurden. Das wollte Zagreb unterbinden und schloss die Grenzen zum ungeliebten Nachbarn, mit dem in der ersten Hälfte der 1990er ein bitterer Bürgerkrieg geführt worden war. Belgrad antwortete mit einem Einfuhrverbot für kroatische Waren, Kroatien mit einem Einreisestopp für serbische Autos, der am frühen Freitagabend von Zagreb zumindest an zwei Grenzübergängen wieder aufgehoben worden ist.

Die beiden Staaten im Clinch sind aber bei weitem nicht allein: Ungarn lieferte sich in diesem Monat einen bitteren Schlagabtausch mit Serbien. Der Grund war derselbe: Serbien ließ - zum Teil mit aktiver Hilfe - Zehntausende Flüchtlinge nach Ungarn laufen. Bis die Grenze mit einem 175 Kilometer langen Zaun dicht gemacht wurde und Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und Pakistan mit Wasserwerfern, Tränengas und massivem Polizeieinsatz vom ungarischen Grenzübergang Röszke ferngehalten wurden.

Ungarn wiederum ist auch sauer auf Griechenland. Nach Darstellung seines Ministerpräsidenten Viktor Orban ist Athen nicht in der Lage oder willens, seine Ostgrenze zur Türkei zu sichern. Auch Kroatien beschuldigt Griechenland, angesichts der hohen Flüchtlingszahlen seine „Augen zuzudrücken“. Ungarn verlangt, die EU müsse Schiffe schicken, um die EU-Außengrenze zwischen den ostgriechischen Ägäisinseln wirksam gegen neue Flüchtlinge zu schützen. Auch Kroatien behauptet, es habe wegen seiner weit mehr als 1.000 Kilometer langen Adriaküste Erfahrung beim Grenzschutz auf See und könne in der Ägäis helfen.

Budapest schimpft aber auch auf seinen Nachbarn und EU-Partner Kroatien, weil das Land ohne Absprache in den letzten zehn Tagen schätzungsweise 50.000 Flüchtlinge an die ungarische Grenze transportiert hat. Und von dort werden sie gleich weiter nach Österreich verfrachtet. Das kann Wien überhaupt nicht gefallen. Am Freitag versuchten die Regierungschefs beider Länder, Orban und Werner Faymann (SPÖ), doch eine Lösung für die Probleme zu finden. Schließlich hatte Faymann den Amtskollegen wegen seiner Flüchtlingspolitik in einem Interview mit dem deutschen Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ heftig kritisiert: „Flüchtlinge in Züge zu stecken in dem Glauben, sie würden ganz woanders hinfahren, weckt Erinnerungen an die dunkelste Zeit unseres Kontinents“, hatte der Bundeskanzler gesagt und damit für einen Eklat zwischen Wien und Budapest gesorgt.

„Der kroatische Premier ist ein Idiot“, prangte in dieser Woche auf dem Titel der Belgrader Zeitung „Kurir“ und: „Was bist Du doch für ein Dummkopf“. Besonders bitter ist in Serbien aufgestoßen, dass in den Attacken von Milanovic, die wiederholt unter der Gürtellinie landeten, sprachlich eine gehörige Portion zivilisatorischer Überheblichkeit mitschwang. Die Botschaft: Wir sind EU-Mitglieder und ihr nur Balkanesen! Da passt die Reaktion von Milanovic auf die Angriffe in den Zeitungen des Nachbarn gut ins Bild: „Unsere Medien sind nicht so, sie sind schlauer“, behauptete er.

Der prominente serbische Politiker Dragan Markovic „Palma“ verstieg sich in die Aufforderung: „Die kroatischen Bürger sollten einen Putsch machen, um Milanovic loszuwerden“. Selbst besonnene Zeitungen wie das Belgrader Blatt „Danas“ sprechen inzwischen vom „Handelskrieg“ zwischen den Nachbarn. Serbiens Regierungschef Aleksandar Vucic belegte die kroatische Politik mit dem Begriff „Irrsinn“.

Die wichtigste Zeitung des Eurolandes Slowenien ist „Delo“. Die Nachbarn Serbien und Kroatien „lassen die Muskeln spielen, um zu zeigen, wer der regionale Führer auf dem Westbalkan ist“, war dort am Freitag zu lesen. Und: Nur die EU könne die beiden Länder aus ihren selbst gegrabenen Schützengräben wieder herausholen. Den ersten Versuch startete am Freitag EU-Nachbarschaftskommissar Johannes Hahn mit seinem Besuch Serbiens. Ob das gelingt, ist keinesfalls sicher. Denn die Belgrader Zeitung „Blic“ sieht die beiden wichtigsten Politiker der Nachbarländer in einem Cartoon als schwer bewaffnete Cowboys. Und die Uhr hinter ihnen zeigt „High Noon“.

Für Entspannung sorgte inzwischen zumindest, dass Zagreb am frühen Freitagabend an der Grenze zu Serbien die beiden Übergänge bei Bajakovo und Tovarnik „ohne Restriktionen“ wieder geöffnet hat. Und der serbische Regierungschef Aleksandar Vucic versprach in Belgrad, sein Land werde die ergriffenen Gegenmaßnahmen „innerhalb von fünf Minuten“ kippen, sobald Kroatien die Grenze wieder öffne. Wie sich die Dinge zwischen Zagreb und Belgrad weiter entwickeln, bleibt aber abzuwarten.